Tango Kolumne
Adiós, Corazón

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 71 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Adiós Corazón von Lea Martin

Wenn die Sehnsuchtsmelodie des Tango die Hinterhöfe erfüllt, träumt Berlin von der Liebe. Es dauert seine Zeit, bis man die Lieder zu unterscheiden vermag und einzelne Melodien wieder erkennt. Eines meiner Lieblingslieder ist Adiós, corazón. Manche Tango-Begeisterte können zu jedem Stück etwas erzählen. Sie kennen die Komponisten, das Jahr der ersten Aufnahme, die verschiedenen Orchester und Interpretationen. Adiós, corazón ist das erste Lied, bei dem auch ich auf Spurensuche gehe. Das Lied scheint meine Geschichte zu erzählen. 

Zwölf Interpretationen finde ich im Netz, alle berühmten Sänger haben es gesungen. Osvaldo Pugliese, Juan D‘Arienzo, Carlos Di Sarli. Die Klassiker der Tangomusik. Mir gefällt am besten die Interpretation von Fulvio Salamanca. Das lang gezogene Intro klingt wie der Start eines unaufhaltsamen Traums.


Wie oft haben wir die Schuhe abgestreift, alle Möbel beiseite geschoben und dazu getanzt. Barfuß. Unter den Sohlen nur Wolken. Mein Tango-Traum hat sich in deinen Armen erfüllt. Nun tanzt du ohne mich. Während ich auf dem Sofa sitze und in meiner Erinnerung die Momente beschwöre, da ich mich im Paradies wähnte. Aus der Traum. Adiós, corazón. Mit dir habe ich getanzt, geträumt, gestritten, gelacht. Du tanzt den lebendigsten Tango, den ich mir vorstellen kann. Impulsiv, voll überraschender Wendungen. Dieselbe Energie, die auf dem Parkett einen innigen Tango gebiert, entwickelt im Alltag eine zerstörerische Kraft. Je mehr wir streiten, desto brüchiger wird unsere Verbindung. Ich kämpfe wie eine Löwin. Dann gebe ich auf. Reisende, heißt es, soll man ziehen lassen. Dich zieht es von mir fort. Ich erleide, dass du dich ohne mich amüsierst, oder stelle mir das wenigstens vor. Leb wohl, mein Herz. Der Tango hat mir deine Liebe geschenkt. Und er hat sie mir wieder genommen. Ich steige in meine Schuhe und verlasse das Meer, in dem meine Liebe zu dir schaukelt, bis der letzte Ton verklingt. Adios corazon. Wenn ich Tangomusik höre, denke ich an dich. An unseren Tango. Von Liebe beseelt. Ich lerne den Tango kennen aus der Sicht eines Verlusts, der die Lieder von dir erzählen lässt, mit dem ich zu ihnen tanzte. Längst sind sie keine fremde, faszinierende Welt mehr, sondern sie fangen mich auf wie Arme, die mich an etwas erinnern, das ich verlor, als du die Tür hinter dir zuzogst. Für mich klingen die Tango-Lieder nicht sentimental, sondern sie geben wieder, wie ich mich fühle. Voller Trauer, voller Sehnsucht, voller Schmerz und voller Liebe.

 

 

"Adiós, Corazón" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"