Tango Kolumne
Berauscht von Tango

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 53 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne: Berauscht von Tango

Als die Heldin von „My Fair Lady“ nach qualvollen Tagen und Nächten endlich den Zungenbrecher Es grünt so grün aufsagen kann, jubiliert sie Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht, die ganze Nacht, heut‘ Nacht und ihr Jubel ist heute in mir, begleitet vom Chor Mein Gott, jetzt hat sie‘s, mein Gott, jetzt hat sie‘s. Ich weiß, es wird neue Flauten geben, neue Herausforderungen, aber für heute bin ich glücklich und stolz. Auf mich und die wunderbaren Drehungen, die ich heute getanzt habe. Auf meine Achse, die auf eine Weise stabil blieb, als hätte sie nie etwas anderes getan. Auf all die Lehrer/innen, die mich begleitet haben. Und auf die Einsicht, dass die beste Schule nur unterstützen kann. Trainieren muss man selbst. Beweglichkeit, Gelenkigkeit, Stabilität. Tango-Tanztechnik klingt trocken. Ist es auch.

 

Es hat eine Weile gedauert, bis mein Frustpegel über mein eigenes Tanzen so angestiegen war, dass ich nicht nur in meinen ersten Technikkurs ging, sondern mich anschließend mit dem Handy in der Hand zuhause wieder fand, einer youtube-Demonstration von Boleos folgend, die ich immer wieder zurückspulen konnte. Es hat eine weitere Weile gedauert, bis ich begriff, dass auch die innere Haltung den Genuss einer Milonga beeinflusst. Wenn ich abgehetzt ankomme, nervös, mit fliegendem Blick, ist die Chance auf einen netten Abend eher gering. Wenn ich zuvor aber das tue, was man von den eigenen Kindern gut lernen kann: chillen, das heißt, wirkliches Nichtstun, ohne die üblichen Nebenbeschäftigungen, die man schon gar nicht mehr merkt, und tiefenentspannt auf einer Milonga ankomme, sind die Erwartungen gleich Null und der Genuss unvergleichlich.

 

Wenn Entspanntheit sich im eigenen Körper ausgebreitet hat, bis man sich tatsächlich fast wie ein Baum fühlt, an dem Arme und Beine wie Zweige baumeln, kann passieren, was will, und es wird gut. Kein Wunder, dass ausgerechnet heute meine Stabilität, bei den schwungvollsten Drehungen ganz plötzlich da war, wie aus dem Nichts. Berauscht von dem Moment, dass mein Traum, Tango zu tanzen, wahr geworden ist, tanze ich noch lange, nachdem die Milonga vorbei ist, weiter und immer weiter in eine glückliche Nacht und freue mich auf all die Technikkurse, die ich noch besuchen werde, darunter all die, die Frauen eine aktive Rolle zuschreiben, nicht nur durch kleine Verzierungen und Verzögerungen, sondern vor allem durch die Energie, die sie mitbringen und einsetzen dürfen. Tango macht keine weiblichen Marionetten aus uns, sondern braucht unsere Lust am eigenen Tanz.

 

 

"Berauscht von Tango" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tangokultur.info

 

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