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Tango Kolumne
Das Bedürfnis
beim Tango zu reden

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 74 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne Das Bedürfnis beim Tango zu reden von Lea Martin

Tango braucht Ruhe. Deshalb wird auf der Tanzfläche eher selten geredet. Was aber, wenn der andere das Gepräch sucht? Soll man ihn darauf hinweisen, dass man nicht daran interessiert ist? Wer aus Unsicherheit vor sich hin plappert, wird sich nach der Zurechtweisung sicher kaum besser fühlen. Auch die Verbindung kann von einer Zurechtweisung kaum profitieren.

 

Unser wichtigstes Instrument, um beim Tango Feedback zu geben, ist, keine weitere Tanda zu tanzen, auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt. Der Cabaceo wird nur noch mit anderen getauscht. Selten erfährt der oder die Abgelehnte den Grund für die Ablehnung. Mir ist besonders unangenehm, wenn jemand aufdringlich ist. Weiche ich etwa einem Blickkontakt aus und der andere stellt sich dann frontal vor mich, um seinen Tanz doch noch zu bekommen, darf ihn ein Korb nicht überraschen. Wer plump auffordert, tanzt übrigens meistens auch so. Da dreht ein Führender sich so schnell um sich selbst, dass die Folgende mit Riesenschritten auf einer viel zu großen Umlaufbahn hinterher eilen muss. Oder es werden Figuren wie Schablonen in den Raum geworfen, bei denen eine höfliche Folgende kreativ zu raten versucht, was sie bedeuten, weil sie den Führenden nicht bloßstellen will. Natürlich lässt sich von allem etwas lernen.

 

Plumpe Tänzer sind eine gute Übungseinheit, um die eigene Balance zu festigen. Und beim Hinterhereilen auf einer zu großen Umlaufbahn greift die Regel »kühlen Kopf bewahren und lächeln«. Oft ist zu hören, Führende hätten dafür zu sorgen, dass die Folgenden sich wohlfühlen. Weniger bewusst ist uns, dass auch Folgende es in der Hand haben, einen eher mittelprächtigen Führenden gut aussehen zu lassen. Für Außenstehende muss es aussehen, als müsse alles so sein, wie es ist. Wenn sie sich dann freuen: »Das war ja ein richtiger guter Tänzer«, wird die taktvolle Folgende höflich verschweigen, wie viel Mühe es sie kostete, damit es so aussah. Führende, die auf der Tanzfläche reden, machen sich vermutlich nicht bewusst, wie sich das auf ihren Körper auswirkt. Ihre Impulse werden schwächer, undeutlicher. Die Konzentration der Folgenden ist abgelenkt. Der Tango verwässert zu einem x-beliebigen Tanz, wo in einem vorgegebenen Rhythmus vorgegebene Schritte gesetzt werden und man frohgemut dabei plaudert. Beim Tango zu reden nimmt ihm sein Wesen, der getanzte Dialog zweier Seelen zu sein. Wenn dieser beginnt, versiegt das Bedürfnis zu reden.

 

 

"Das Bedürfnis beim Tango zu reden" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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