Nachruf
Danke, Rudy

 

Lea Martin über den Tod des Tangolehrers Rudy Vega

Es gibt Menschen, denen man nur einmal begegnet und sie bleiben. So ein Mensch ist Rudy Vega für mich. Wenn ich meinen Fuß seitwärts setze, denke ich an ihn. „Super Fußarbeit“, lobte er, „du machst das sehr schön.“ Das Aber schwingt hörbar in der Luft, ein fröhliches, strahlendes Aber, das wie eine Einladung klingt. „Probier doch mal aus. Man kann das auch beim Seitwärtsschritt machen.“ So...?! Ja. Alles an ihm lacht und ich fühle, ich kann das. Er unterrichtet nicht, er fliegt. Von Schüler zu Schülerin und verteilt Liebe. Zum eigenen Körper. Zum Tango. Zur Musikalität. Zur Feinheit des Schritts. Sein sonniges Lachen fliegt durch den Raum, eine fast greifbare positive Energie, die Ängste und Befangenheiten auflöst, als habe es sie nie gegeben. Auf meinem T-Shirt steht Manger. Dormir. Danser. Répéter. Rudy lacht: „Genau so lebe ich. Das ist mein Motto.“ Er spricht Englisch, die deutsche Sprache mit „„these fucking vier Fälle“ ist kompliziert. Kompliziert wie Tango, der sich unter seiner Anleitung von einer heiteren, befreienden Seite zeigt. Sein Tango ist unbeschwert, er weht über den Boden wie ein bunter Sari an einem Strand, über dem Palmen mit dem Himmel liebäugeln, er weiß sich verbunden mit der Erde, dem Himmel, dem kosmischen Ganzen, das aufblitzt, wenn Rudy vergnügt seinen Körper öffnet, um die Musik aus seinen Füßen fließen zu lassen.

Tango-Feldforscher, so gehen wir heute ans Werk, finden heraus, was unsere Füße vermögen. „Explore with your toes.“ Tanzt aus dem Boden, fühlt den Kontakt. Seid bereit, aber überstürzt nichts, habt keine Eile, geht nicht voran. Bereit sein klingt einfach. Doch es ist eine Kunst, die Füße in der Schwebe zu halten. „Ihr findet es anstrengend..?!“ Rudy lacht: „Dann ist es Tango.“ Eine angenehme Ruhe breitet sich aus. Ich lasse los, auf etwas gefasst zu sein. Ich muss nicht gefasst sein, sondern ich tanze. Bei jedem Schritt zur Seite, den mein Fuß unternimmt, begleitet mich Rudys aufmunterndes Lachen, das jeden Muskel seines Körpers zu bewegen scheint, selbst jene, von denen ich kaum weiß, dass es sie gibt. Auch über Rudy Vega weiß ich kaum etwas. Doch in dieser einen Stunde hat er mir etwas geschenkt, das mein Gefühl für Tango verändert hat. Ich ha- be ihn erlebt wie ein über den Boden fliegendes Lachen, das jeden verzaubert, den es berührt. Danke, Rudy, für dieses Geschenk.

Anmerkung:

Die Tangoszene trauert um Rudy Vega. Auf der Facebook-Seite von Tangotanzen macht schön (Tangoschule in Berlin) wird über seinen Tod informiert. Dort gab er viele Jahre Unterricht und hat, wie es weiter heißt, „mit seiner Energie und seinem Charme viele Menschen inspiriert und im Tango seine „Familie“ gefunden“.

Auch die Berliner Autorin Lea Martin hat bei ihm Tangostunden besucht.

Berlin, im April 2017