Tango Kolumne
Die richtige Tanzhaltung

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 68 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Die richtige Tanzhaltung

Wohin wird der Tanguero mit den vollen Hosentaschen die Folgende führen? Überraschend zieht er sein linkes Bein nach außen. Und dann gleich noch einmal. Der Erfolg seiner Führungskunst hängt davon ab, dass die Folgende sich einlässt. Deshalb hat er so viel Zeit auf die Vorbereitung verwendet. Die Folgende im roten Shirt, die sich gerade in die Gemächlichkeit des Ankommens in Tanzhaltung geschickt hat, ist perplex und lacht auf. Ihr Fuß pendelt verspätet hinter dem Fuß des Führenden her. Dieser lacht auch. Nun lachen sie beide. Dann tanzen sie los.

 

Beim ersten Tanz wirkt sie überfordert. Er bemerkt es und drosselt die Dynamik seiner Bewegungen, lässt sich auf sie ein. Nach dem Tango sprechen sie miteinander, lachen, scheinen sich gut zu verstehen. Der letzte Tanz der Tanda sieht bereits fließend aus, beinahe rund. Der Tanguero begleitet die Dame im roten Shirt an ihren Platz. Ich verliere ihn aus den Augen. Später sehe ich ihn mit einer anderen Folgenden tanzen. Hat er mit der Frau im roten Shirt eher verhalten getanzt, wirbelt er nun schwungvoll durch den Raum. Als er mir zum dritten Mal auffällt, ist erneut seine Rücksichtnahme gefordert. Flexibel stellt er sich auf seine jeweilige Partnerin ein und würde die Frage, welche Tanzhaltung die richtige ist, wohl so beantworten: »Ich biete mich der Folgenden an. Und warte ab, was passiert. Wenn eine Folgende schon vor dem ersten Schritt die Führung übernimmt, weil ihre Erwartung, wie die Dinge zu laufen haben, stärker ist als ihr Wunsch, mit mir in einen Dialog zu treten, in dem sie mir folgt, reagiere ich, nun ja, amüsiert und probiere aus, was geht und was nicht.

 

Der Spaß am gemeinsamen Tanz ist mir wichtiger als das, was mir Spaß machen würde, wenn ich eine andere Partnerin hätte. Tango wird nicht im Konjunktiv getanzt, sondern im Hier und Jetzt, mit der Frau, die ich in den Armen halte und von der ich weder fürchte, dass sie meine Hosentaschen ausraubt, noch dass sie mir sonst etwas wegnimmt. Im Gegenteil empfinde ich jeden Tanz als Geschenk, gerade weil er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anders verläuft als geplant. Wenn wir bekommen wollen, was wir erwarten, ist Tango das falsche Pflaster. Meine Haltung ist Offenheit für mein Gegenüber und Freude am gemeinsamen Experiment. Ob das richtig ist oder nicht, mögen die entscheiden, die mit mir tanzen. Und es hoffentlich gerne immer wieder tun.« 

 

 

"Die richtige Tanzhaltung" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tango-argentino-online.com

 

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