Tango Kolumne
Don't touch...!

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 4 DER REIHE VON LEA MARTIN

„Konzentriert euch aufeinander, aber fasst euch nicht an!“ Mit dieser Aufforderung beginnt mein Schlüsselerlebnis im Tango. Die Übung besteht darin, einander zu folgen, ohne sich zu berühren. Don‘t touch each other. Noli

me tangere. Dabei steht Tango (lat. „ich berühre“) für Berührung, für körperliche Verschmelzung im Tanz. Das ist verlockend und beängstigend zugleich. Wenigen -vor allem in Deutschland - ist ungezwungenes Einander-Berühren in die Wiege gelegt. Im Kurs stehen wir einander (geradezu erleichtert) gegenüber und konzentrieren uns auf eine Intuition, von der wir bis gerade eben nicht einmal wussten, dass es sie überhaupt gibt, und die uns nun - noch bevor der andere sich auch nur einen Zentimeter bewegt hat - eindeutig sagen soll, in welche Richtung er gehen will. Zu unserer Überraschung funktioniert die Übung (jedenfalls bei den Glücklichen, die ihren Kopf momentweise ausschalten können). Ich fühle, wohin Karlheinz gehen wird, noch bevor er einen Finger bewegt hat, und auch er folgt meinem Impuls, nach rechts oder geradeaus zu gehen, als könne er Gedanken lesen.

 

Meine Faszination für argentinischen Tango erreicht meinen Körper, etwas ungelenk noch, aber real. Ich beginne ihn zu fühlen: nicht theoretisch, abstrakt, sondern konkret und persönlich, in meinem eigenen Leben, meinem (krampfhaft eingezogenen) Bauch, den angespannten Schultern, den Händen, die so gern festhalten wollen. Der Tango fordert mich auf, die Schultern zu lockern und Energie aus meiner inneren Mitte zu holen. Innere Mitte...?! Mit ein paar Beinübungen und Tanzschritten ist es nicht getan. Der Tango will dich ganz. Doch will ich das auch...?!

 

Da gibt es die erotischen Bilder, die wir gesehen haben, im Internet und auf Plakaten, die Filme bei youtube, die exzellenten Tänzerinnen und Tänzer. Daneben gibt es die Momente, da wir uns selbst im Spiegel erblicken, über die eigenen, schwerfälligen Füße stolpern und eine Musikalität vermissen, von der wir wünschten, sie liege uns

im Blut. Vor allem aber gibt es in unserem Herzen, unseren Hüften und in unserem Kopf, eine Sehnsucht, ein Verlangen, eine Lebenslust, die bereit ist, die streng getrennten Welten in die Luft zu wirbeln und einfach zu tanzen: so wie wir sind, ein bisschen verkopft, ein bisschen verspannt, aber wild entschlossen, unsre Leistungsorientierung für eine kleine Tango-Auszeit zu vergessen. (Fast jedenfalls.)


"Don't touch...!" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2015

 

Foto: tangokultur.info (aufgenommen im NOU Mitte)

 

 

 

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumnen"