Tango Kolumne
Eifersucht

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 62 DER REIHE VON LEA MARTIN

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Ich bin emanzipiert, liebe meine Freiheit. Doch wenn der Mann, den ich liebe, mit einer anderen tanzt, werde ich zum Tier. Wilde Eifersucht steigt in mir auf, jagt den Puls in die Höhe, blockiert mein Hirn. Dieser Mann, ruft die Eifersucht, gehört mir, niemand darf ihn berühren, niemand spüren, wie er sich anfühlt, riecht, atmet. Wer einen Tango-Tanzpartner braucht, soll woanders wildern.

 

Habe ich ein schlechtes Selbstbewusstsein? Oder zu wenig Vertrauen? Was geht es mich an, mit wem mein Freund tanzt? Die Vorstellung macht mich rasend. Ich liebe die Art, wie er einatmet, die Musik in sich einfließen lässt, um sie dann in eine Bewegung zu übersetzen. Sein Schritt ist mal überraschend kurz, mal lang wie eine Wanderung, und ich genieße, wenn er mich mitnimmt auf seinen Tangogalopp, der sich anfühlt wie ein Ritt über wildes Gelände. Wenn mein Fuß in kleinen Pausen die Freiheit genießt, Dinge auszuprobieren, die mich niemand gelehrt hat, macht mich das glücklich. Unser Tango mag nicht perfekt sein, aber er ist voller Leidenschaft und Hingabe. Ich will nicht, dass er diesen unseren Tanz mit anderen teilt.

 

„Du glaubst“, sagt er, „ich tanze mit anderen so wie mit dir? Auf der Welt gibt es Millionen von Männern und Frauen, wollen wir auf sie alle eifersüchtig sein?“ Ich sehe ihn an und finde kein Argument. Mein persönlicher Tango Dream ist Realität geworden. Ich tanze Tango mit dem Mann, den ich liebe, und muss nicht unterscheiden zwischen Hingabe an die Musik und Hingabe an den Mann, der mich im Arm hält. Was mich eifersüchtig macht, ist, dass er einen Traum träumt, in dem ich nicht vorkomme, oder zumindest denke ich das. Meine Eifersucht ist ein Signal meiner Unsicherheit. Ich denke, dass wenig genügt und alles ist vorbei. Die große Liebe hat eine Halbwertzeit von drei Minuten, dann dreht sie sich auf dem Absatz um und rennt davon. Die nächste Tanda beginnt. Neuer Tango, ohne mich. Meine Eifersucht sagt, ich bin leicht zu ersetzen und werde nicht so geliebt, wie ich bin. Hämisch grinst mich die Eifersucht an aus jeder schönen Frau, die sich anmutig bewegt. Ob sie besser zu dir passen würde?, sich perfekter mit dir drehen? Irgendwo wird sie sein, die Frau, die dir den Tango gibt, den du dir wünschst, und den du von mir nicht bekommen kannst: weil ich unseren Tango zwar liebe – doch ohne allzu großes Vertrauen.

 

Sind nicht alle Tangotänzer irgendwie untreu? Wieso solltest du die Ausnahme sein? Die Eifersucht benutzt Tango als Argument. Dabei zeigt er uns nur, wer wir sind – auch wenn das nicht immer schmeichelhaft ist.

 

 

"Eifersucht" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tangokultur.info

 

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