"Tango Pasión"
Filmkritik

Filmpremiere von Tango Pasion in Berlin

17.09.2015: Seit heute läuft die Dokumentation „Tango Pasión“ von Kordula Hildebrandt bundesweit in den Kinos. Gestern Abend fand die Premiere in Berlin im Kino „Eva Lichtspiele“ statt. Vor vollem Haus. Und natürlich in Anwesenheit der sympathischen Regisseurin und einiger Protagonisten der Berliner Tangoszene.

 

Ursprünglich sollte der Film „Tango Berlin“ heißen. Dem Filmverleih schien das zu profan – und so wurde der Streifen in „Tango Pasión“ umbenannt, damit mehr Zuschauer in die Kinos gelockt werden. Seit 2010 hat Kordula Hildebrandt an der Dokumentation gearbeitet. In der Ankündigung zum Film heißt es: „Ein sinnlich-dokumentarischer Streifzug durch die Berliner Tango Argentino-Szene – die größte außerhalb Argentiniens und der Gegend am Rio de la Plata. Wir besuchen die Stars und Macher, die den Tango über Jahrzehnte geprägt und zu weltweiter Anerkennung geführt haben.“

 

Tatsächlich gelingt es Hildebrandt und ihrem Team, schöne Bilder zu liefern und eine dem Tango angemessene Atmosphäre aufzubauen. Die ersten 20 Minuten geben durchaus einen guten Einblick in manche „Tangoseele“ der Stadt – und sehr beeindruckend ist das Interview mit dem Bandoneonbauer und Musiker Klaus Gutjahr, bei dem man spürt, dass er für den Tango lebt. Doch die mit Tanzeinlagen aneinandergereihten Interviews tragen nicht über 90 Minuten. Zumindest nicht im Kino. Der Film tritt irgendwann auf der Stelle. Ihm fehlt das letzte Quentchen einer stimmigen Dramaturgie – und es wird zu wenig erklärt. Und wenn erklärt wird, bleibt es unwidersprochen. Auch, wenn Behauptungen falsch – oder zumindest zweifelhaft sind. So erzählt einer der interviewten Protagonisten, dass eine Tangoszene nicht nur von Konsumenten, sondern auch von Produzenten lebt. Und genau diese Produzenten hätte Berlin seiner Meinung nach nicht zu bieten. Spätestens an dieser Stelle wäre es angebracht gewesen, Meinungen gegenüber zu stellen und wichtige Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, von denen leider einige im Film fehlten. Kein Wort vom Musiker Peter Reil, der Urheber von hervorragenden Arrangements und Kompositionen ist. Und das ist nur ein Beispiel.

 

Und die Geschichte über die Entwicklung des Tangos in Berlin ließe sich so schön erzählen: Wie hat sich die Milongakultur entwickelt und verändert (nach der Wende wurde in Ost-Berlin in leerstehenden Wohungen getanzt. Der urbane Raum wurde vom Tango erobert!). Warum wurden die Interviewpartner nicht an „Original-Schauplätzen“ in Szene gesetzt? Es gibt sicher schöne Aufnahmen vom alten Esplanade mit dem Kaisersaal am Potsdamer Platz vom Beginn der 1990er Jahre oder vom Variete Chamäleon in den Hackeschen Höfen!?). Berlin hätte als Stadt noch besser eingebunden werden können - ja müssen. Stattdessen tauchen in einer Sequenz Tänzer aus einer Tangoshow auf, die so gar nicht in das Berliner Tango-Bild passen. Hier wäre sicher mehr drin gewesen.

 

Trotzdem ist ein Kinobesuch zu empfehlen: Wegen der Ästethik des Films und wegen des Tangos an sich.

 

Text: Jörg Buntenbach

Foto: tangokultur.info

 

 

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Trailer zum Film: