Tango Kolumne
Führen lassen

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 39 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Führen lassen

Erfolgreich führen. So lauten Titel von Manager-Seminaren. Auch im Tango wird geführt, nach einem eigenen Prinzip. „Darf ich dich in enger Tanzhaltung führen?“ Emiliano ist ein höflicher Lehrer, ernst und genau. Nach wenigen Schritten spürt er, wo mein Problem liegt. Ich bin die Folgende und denke mit.

 

„You are the follower. Don‘t dance figures. That‘s his job.“
Moment mal! Sind nicht die Folgenden beim Tango auf Augenhöhe?! Ist das nicht der große Unterschied zu den Ratgebern für Führungskräfte?! Emiliano schüttelt den Kopf. „You have to keep your balance, that‘s all.“ „That‘s the problem“, erwidere ich lachend. „No“, erwidert er ernst: „Du kannst das. Oder fällst du um, wenn du die Straße entlang läufst?!“ „Ich verliere die Balance, wenn ich in Kontakt gehe“, erkläre ich ihm und der Satz fühlt sich irgendwie abgründig an. „Just keep your balance“, insistiert er, „that‘s all you have to do, the rest will come.“ The rest will come. Tango ist wie eine Melodie auf mein Leben. Der neue Abschnitt heißt: führen lassen. Doch wie soll das gehen?! Mit diesem unentwegt mitdenkenden Kopf?! Wer Folgen googelt, landet bei Links zu Fernsehserien. Zu folgen ist nicht in Mode. Das Internet kennt keine Tipps. „Enjoy the embrace, but don‘t try to keep him, that will take his energy.“ Don‘t try to keep him. Woher weiß er, dass ich genau das versuche? Beim Tango. Und überhaupt. Halten. Festhalten. Statt loszulassen. Und zu vertrauen. Mir. Meiner Körpermitte. Die Arme und Beine sollen schwingen wie Äste und Zweige. Getanzt wird aus dem Stamm. Ich schließe die Augen. Emiliano ist zufrieden: „Very nice.“ Er entlässt mich. Ich bin noch immer nicht überzeugt.

 

„Hilft es dir nicht, wenn ich mitdenke?“, frage ich meinen Tanzpartner. „Wie soll ich dann etwas lernen?!“, fragt er zurück. Ich sehe ihn an. Und werde es tun. Hier und heute. Mich führen lassen. Statt Verantwortung zu übernehmen, die mir nicht gehört. „Du hilfst mir am meisten“, sagt mein Tanzpartner, „wenn du mich führen lässt.“ Führen lassen. Was für ein Projekt. Hinter geschlossenen Augen spüre ich seine Signale. Wir schweben durch den Raum, bis Naomi uns weckt. „Fühl deine Hand“, fordert sie mich auf, „fühl die Verbindung zwischen ihr und deinem Bauchnabel.“ Die Verbindung zwischen was? Ich bin restlos verwirrt. Wie fühlt man den Nabel? Aber, oh Wunder, es funktioniert. Ich fühle meine Mitte und folge den Wiegeschritten, als hätte ich nie etwas anderes getan. Führen lassen?! Vielleicht doch nicht so schwer.

 

 

"Führen lassen" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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