Tango Kolumne
Innere Balance

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 8 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tango zu lernen ist Selbsterfahrung. Wer das nicht aushalten kann, hat ein Problem. Mein Problem heißt innere Balance.

 

Als ich auf die ersten Tango-Tanzpartner losgelassen werde, klebe ich an ihrer Brust, meine Beine fliegen ihnen voraus. Ich versuche ihre Bewegungen zu antizipieren statt abzuwarten, bis ich einen Impuls wirklich spürte: in meinem Körper, der Brust, den Armen, dem Bauch.

 

„Im normalen Leben passen wir Frauen uns gern vorauseilend an“, erklärt die Tanzlehrerin, „nicht so im Tango, da sind wir wie Königinnen und laufen erst los, wenn wir wirklich müssen.“ Tangotänzerinnen stehen auf ihren eigenen Füßen... und warten ab. Eine stolze, gelassene Haltung ist der beste Garant, um auch vom kühnsten Tanzpartner nicht aus der Bahn geworfen zu werden. Als Folgende (follower) darf uns nicht irritieren, wenn die/der Führende (leader) seine Schritte verlangsamt oder innehält und den Moment genießt. Wir müssen

damit rechnen, dass das Tempo sehr abrupt wechselt, der Führende vorprescht , beschleunigt, und keinesfalls darf unser Körper das Gleichgewicht verlieren.

 

Natürlich ist körperliche Balance zu halten eine Frage der Übung. Standfestigkeit will trainiert sein, vor allem gefragt sind die Sprunggelenke. Eine Minute lang mit geschlossenen Augen einbeinig auf einer Zehenspitze zu stehen klingt trivial – und ist eine echte Herausforderung.

 

Je wackeliger die Balance, desto anfälliger ist sie für äußere Einflüsse. Zuhause vor dem Spiegel ist die Balance fast perfekt. Sobald sie in Kontakt mit anderen kommt, gerät sie ins Wanken. Jeder fremde Tanzpartner ist eine Irritation, kritische steigern die Unsicherheit, der Blick des Tanzlehrers sowieso. Die seelische Herausforderung heißt: bei sich zu bleiben, egal wie selbstbewusst der andere auftritt, ja, dies Selbstbewusstsein sogar zu beantworten. Tangotänzer wollen keine Frau, die ängstlich vor ihnen zurückweicht. Jede Form von Beflissenheit

ist fehl am Platz. Eine begehrte Tangotänzerin ruht in ihrer eigenen Schwerkraft und gibt sich der Führung hin, ohne sich zu verlieren. Jede Bewegung kommt aus dem Zentrum, der inneren Mitte.

 

Mit dieser Haltung lässt sich nicht nur wunderbar Tango tanzen. Mit unerwarteten Wendungen souverän umzugehen, ist eine Kunst, die auch hilft, glücklich durch das wirkliche Leben zu gehen.

 

 

"Innere Balance" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2015
Foto: tangokultur.info

 

 

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