Tango Kolumne
Erstes Tango Date

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 2 DER REIHE VON LEA MARTIN

Alleine Tango tanzen...? Das ist wie Fisch ohne Fahrrad. Tango ist Dialog, vom ersten Schritt an. Man (und frau) braucht also eine/n Tanzpartner/in.

Wer den eigenen Mann oder Freund dafür begeistern kann, hat das große Los gezogen, auch wenn es Insider gibt, die behaupten, Beziehung und Tango, das gehe nicht gut. (Solche Insider gibt es überall, sie haben einen hohen Unterhaltungswert, weil sie zu allem eine Meinung haben, an der sie sich festhalten wie an einer Gehhilfe.) Bei Tango-Events sind viele Paare zu sehen, die ganz wunderbar harmonieren und kein bisschen so wirken, als ginge das nicht gut.

 

Mein erstes Tango-Date, heute um 15 h, war Antipathie auf den ersten Blick, so etwas gibt es, auch in der Tangoszene. Aus journalistischer Neugier habe ich dennoch einen Latte Macchiato getrunken und stoisch gelächelt, als der „ich bin Architekt und habe viele Jahre lang in New York gearbeitet“-Kandidat seine Bedingungen an eine Tanzpartnerin auffuhr: mindestens zwei Kurse pro Woche und regelmäßiges Üben zuhause, unter Rücksicht, bitte, auf seine Schulterprobleme, er stand auf: „Meine Schulter hängt ein wenig nach unten, siehst du, das rührt aus einer - damals war ich noch krankenversichert - Operation.“ Weshalb erzählte er mir seine Defizite so en détail? Wollte er mich abwimmeln? Während ich auf dem Heimweg darüber nachdachte, wie ich ihm freundlich absagen könnte, erhielt ich eine SMS: er habe sich anderweitig entschieden.

 

Architekt, New York, das hatte so super geklungen. Nun war ich frustriert und nahm mir fest vor, künftig weniger oberflächlich zu sein. Nur: Worauf soll mensch achten, bei einem virtuellen Profil? Wer sucht, hat viele Möglichkeiten. Tanzschulen bieten Tanzbörsen an, in Form von Zettelkästen oder auf der jeweiligen

Homepage. Dazu gibt es im Internet überregionale (kostenfreie) Tanzbörsen mit selbstredenden Namen wie tanzmitmir. Man kann in Profilen blättern oder eigene Sucheinträge aufgeben. Das ist fast so spannend wie die richtige Partnersuche. Und auch wenn viele Anzeigen sich ausdrücklich auf nur Tanzpartner gesucht beschränken: Tango ist ein sinnlicher Tanz, bei dem man sich nah kommt. Körperliche Nähe mit fremden Menschen zu teilen steht im Verdacht, aufregend und (ein bisschen) unmoralisch zu sein. Die Berührungen beim Tango sind erotisch aufgeladen. Gefühle werden in Bewegung gesetzt, vor allem bei Frauen. Tango ist ein Dialog, der jeden Moment mit einer Prise Leidenschaft würzt. Mit wem, bitte, will man (und vor allem frau) diesen Dialog führen? Werde ich je einen Tanzpartner finden?

 

Erstes Tango Date, aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2015

 

Foto: Jörg Hesse (Ausschnitt aus dem Coverfoto zum Buch "Tango Metropole Berlin"

 

 

 

 

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