Tango Kolumne
Milonga, allein

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 78 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Milonga, allein von Lea Martin

Allein auf eine Milonga zu gehen ist aufregend. Du weißt nicht, wie es wird. Wirst du den ganzen Abend herumsitzen? Oder mit Tänzern tanzen, denen du nie zuvor begegnet bist? Ihre Augen schauen dich an. Du kannst den Blick erwidern. Und lächeln. Oder du schaust weg. Weichst ihnen aus. Wenn du in ihren Armen liegst, gehören sie dir. Eine Tanda lang. Manche nennen es Hingabe. Hingabe an den Moment. Sie teilen ihn mit dir. Zeigen etwas von sich. Laden dich ein, dies Etwas zu teilen. Auf den meisten Milongas sind erfahrene Tänzer unterwegs, die es drauf haben, eine Tanda spannungsreich zu gestalten. Der erste Tango ist zur Einstimmung da. Der zweite ist die Ouvertüre zum dritten. Die letzten beiden sind Genuss pur. Ihr fliegt zur Musik und schaut euch, wenn sie endet, überrascht in die Augen. Ein fremder Mensch, der sich mit dir bewegt, als wärt ihr ein Körper. Er hört wie du. Fühlt wie du. Kitzelt Bewegungen aus dir heraus, die du allein nicht vollbringen könntest. Das ist das Geschenk, was ein Tanguero dir macht. Er holt etwas aus dir hervor, das es ohne ihn nicht geben würde. Niemals würden deine Beine in diesem Schwung fliegen, niemals deine Füße sich spielerisch zurückhalten, um den Moment abzuwarten, da er entscheidet, mit dir weiterzugehen. Die Entschiedenheit der Tangueros ist ein Geschenk. Ihre Lust dich mitzunehmen auf einen Flug, dessen Richtung sie so zielsicher definieren, als seien sie hauptberuflich Piloten. Mancher summt zu den Melodien. Andere wirbeln dich schwungvoll im Kreis, um dann plötzlich innezuhalten. Du folgst ihrer Spur, neugierig, wie sie verlaufen wird, erfüllt von der Energie, die sie verströmen und die dich entzündet. Nicht nur dein Körper reagiert, sondern auch deine Seele. Du antwortest ihnen. Mal spielerisch, mal mit Temperament. Hast du gewusst, wie liebesfähig du bist, bevor du angefangen hast Tango zu tanzen? Tango kitzelt Facetten deiner selbst aus dir heraus, die dir erst bewusst werden, wenn du sie tanzt. Stürmisch, zart, nachdenklich, verträumt. Jede Tanda gehört einem anderen Mann. Jedem schenkst du deine volle Aufmerksamkeit. Manchmal geht sie mit dir durch und du stellst dir vor, wie es wäre, ihn näher zu kennen. Ihr esst eine Currywurst. Ihr werdet ein Paar. Er vertraut dir seine Geheimnisse an. Du leihst ihm deinen Körper, deine Wärme. Alles, was du bist, legst du in den Tanz, der nur euch beiden gehört. Bis die Cortina das Ende einläutet. Und er dich auf die Wange küsst. Wie eine Schwester. Der Wangenkuss heißt, er hat dich gespürt. Und wird nun weiterziehen. So wie du auch. Zur nächsten Tanda. Milonga allein, heißt sich einlassen auf ein Abenteuer, das zeitlich begrenzt ist und doch fulminant. Eine Milonga ist wie das Leben in Miniatur. Wenn sie vorbei ist, träumen wir von ihr.

 

"Milonga, allein" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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