Tango Kolumne
Wackeltango

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 18 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne von Lea Martin über die Tangoszene in Berlin

Miro ist sensibel. Und er ist schön. Wenn er anruft, wird meine Stimme eine Oktave höher und ich entpuppe mich als typisch weibliches Mitglied der Tango- Familie: die springt, wenn man sie ruft. Miro - das weiß ich vom Probetanzen - ist obendrein anspruchsvoll, vor allem gegenüber einer Tanzpartnerin. Stünden wir fest auf unserer Achse, wäre das kein Problem. Unser Wackeltango braucht allerdings einen Humor, den Miro aktuell nicht aufbringen kann. Wieso ruft er wieder an? Hat er vergessen, dass er mich ganz schön instabil fand? Verblüffend ehrlich gibt er zu: „Ich rufe an, weil ich deinen Namen in meinen Kontakten habe, obwohl ich gestehen muss, dass ich nicht mehr weiß, wer du bist.“

Er hat mich tatsächlich vergessen. Und ich...? In mir rattern die Verhaltensoptionen: Korb geben, nachgeben, eigene Interesse verfolgen. Ich entscheide mich für Variante 3 und frage, was er von dem Kurs mittwochs um sieben hält. Wir verabreden uns. Je näher der Mittwoch allerdings rückt, desto größer wird meine Unlust auf Miros Kritik. Schließlich gebe ich ihr nach und sage - mit ein bisschen schlechtem Gewissen - ab: „Fühle mich nicht wohl, tut mir leid.“ Das ist sogar nur halb gelogen. Ich fühle mich nicht wohl mit jemand, der nur an mir rumnörgelt, mag er so schön und sensibel sein, wie er will. Für die Tangokönigin in mir hat es sich ausgemirot. Wer mich vergisst, mit dem mag ich nicht tanzen. Schließlich gibt es noch andere Tänzer.

Kurz darauf bin ich mit Mike verabredet, Mambita, 22 Uhr. Normalerweise gehe ich da Richtung Bett, doch morgen habe ich frei und kann ausschlafen. Ich warte an der Bar und genieße die intime Atmosphäre des kleinen Lokals. Wenn mich jemand auffordernd anblinzelt, sehe ich weg, schließlich bin ich verabredet und will nicht unhöflich sein. Endlich kommt jemand herein, der aussieht wie der Mann auf dem Foto in der Internet-Börse: fröhlich, groß, schlank, wenig Haar. Ohne sich umzusehen, stürmt er an mir vorbei und umarmt eine Frau mit langen Beinen und Pferdeschwanz. Dann erst bemerkt er mich: „Hi, du musst Lea sein...?!“ Er zeigt auf die Frau. „Das ist Elke. Hast du ein Problem, wenn ich erst mal mit ihr tanze?“ Ich bin verwirrt. Dem Begleiter von Elke geht es ähn- lich. „Was war das jetzt..?!“ Amüsiert sehen wir uns an. Schöne, dunkle Augen. Weißes Hemd. Und nun fragt er auch noch: „Wollen vielleicht wir...?!“

„Tanzen...?! Ja, klar, deshalb sind wir doch hier.“
Rasch wie bei einem ocho cortado schwenkt meine Stimmung um. Ich stehe auf, richte mein Krönchen und feiere den Tango-Abend, der endlich beginnt. 

 

 

"Wackeltango" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

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Einblicke in die Berliner Tangoszene