Tango Kolumne
Wer führt, führt

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 48 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Wer führ, führt

„Tango ist ein Spiel mit verteilten Rollen und ihr müsst die Regeln befolgen: Wer führt, führt. Wer folgt, folgt. Wie beim Autofahren, da hat der Beifahrer auch nicht zu fahren.“ Streng blickt der Lehrer in die Runde und ich fühle mich ertappt. Denn ja, gelegentlich fahre ich als Beifahrerin mit. Ich bin im Zeitalter des aktiven Widerstands geboren: gegen Atomkraft, gegen den Kalten Krieg. Und jetzt kommt ein Tangolehrer aus Argentinien daher und will mir erklären, dass ich mich in meine Rolle zu fügen habe! Ich, die ich selbst bei Mensch, ärgere dich nicht! die Regeln sausen lasse, wenn es darum geht, meine Kinder gewinnen zu lassen. Sapere aude! Das macht vor Tangoregeln nicht halt. Und jetzt das!

 

Ich bin in einer Schule gelandet, die in Sachen Rollenverteilung keinen Spaß versteht. Tango als Spiel?! Auch Poker ist ein Spiel. Star Wars. Animal Farms. Manche halten die Liebe für ein Spiel. Andere das ganze Leben. Tango ist ganz sicher mehr als ein Spiel für all diejenigen, die nicht müde werden, seinen spielerischen Charakter zu betonen. Er ist ihre Leidenschaft und ihr Leben. Ca. 200 Tango-Profis gibt es in Berlin. Sie unterrichten, treten auf, musizieren. Ernsthaft, mit Steuernummer. Die wichtigste Funktion eines Spiels, das sollten gerade sie nicht vergessen, sind nicht seine Regeln, sondern dass es Spaß macht. Für mich jedenfalls. Und mein Spaß hört auf, wenn eine Regel wie ein Denkverbot daher kommt. Schon im allerersten Grundkurs habe ich gelernt, dass der Führende, nachdem er den Impuls zum nächsten Schritt abgesetzt hat, in Wirklichkeit der Folgenden folgt. Wie umgekehrt die Folgende, indem sie den Impuls umsetzt, durchaus Spielraum für Verzögerung hat. „Wer führt, führt, wer folgt, folgt gilt also gerade nicht beim Tango“, denke ich trotzig, während der Tangolehrer zu vermitteln versucht, dass es niemandem nützt, wenn die Führenden sich weigern zu führen und die Folgenden trotzdem schon mal vorauseilen. Ich fühle mich angegriffen, weil er verkennt, wie gut wir es miteinander meinen: die rücksichtsvollen Führenden und die übereifrigen Folgenden. Dabei hat er irgendwie schon auch Recht. Wer zu viel reinquatscht, riskiert einen Unfall, das ist beim Autofahren nicht anders als beim Tango.

 

Vielleicht sollte ich meinen inneren Widerstand nicht gegen den Lehrer verschwenden, der es nur gut mit uns meint, sondern in meine Tangohaltung einbauen und endlich so folgen, wie es die Tangoregeln wollen: widerspenstig, langsam, ausbalanciert.

 

 

"Wer führt, führt" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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