Tango Kolumne
Kopfüber in den Ausschnitt

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 59 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tango-Kolumne Kopfüber in den Ausschnitt

Ist wirklich egal, wie groß jemand ist? Der Tanzlehrer macht es vor. Kleiner als seine Tanzpartnerin zu sein, ist für ihn („no problem for me“) ein besonderer Genuss. Die Begründung hat irgendetwas mit Energie zu tun, die besser fließen kann, wenn da ein Gegenüber ist und nicht leere Luft. Ich habe nicht genau zugehört, sondern darüber nachgedacht, wie es mir geht.

 

Je größer der Mann, desto großer die Versuchung, als Folgende auf Zehenspitzen zu gehen. Manchmal bräuchte man allerdings Stelzen. Weil man sonst mit einem Bauchnabel tanzt. Im Sitzen sah der freundliche Herr, der mich anlächelte, nicht besonders groß aus, aber als er aufstand, wuchs er in den Himmel. Er hat es schwer, eine Tanzpartnerin zu finden, die ihm gewachsen ist, und obwohl er sehr nett ist, sitzt er ganz schön viel rum. Wie er tanzte, habe ich nicht wirklich gespürt, weil ich damit beschäftigt war, seinen Bauchnabel zu bitten, mit mir zu kommunizieren. Ein anderer Tanguero war so klein, dass selbst ich, die nicht besonders groß bin, sein Gesicht direkt vor meinem Busen hatte. Nun ist mein Busen nicht so übermächtig, dass er darin verschwunden wäre, aber vielleicht hätte ihm das ja gefallen. Jedenfalls grinste er selig, als er kurz darauf in einem versank. Die zu dem Busen gehörige Dame bewahrte würdevoll Haltung und sah - was blieb ihr anderes übrig? - über den in ihrem Ausschnitt lungernden Tanzpartner hinweg, allerdings habe ich sie später nicht mehr mit ihm tanzen sehen, so dass ich vermute, auch ihr Spaß war begrenzt. Ich fühle mich wohler auf (plusminus) Augenhöhe, wobei neben der Größe auch das Gewicht eine Rolle spielt. Wenn ich von einem Mann nichts spüre als seinen Bauch, schluckt das seine Führungsimpulse. Mag aber sein, das hängt vor allem vom Führungsstil ab. Je sicherer jemand führt, desto unwichtiger ist, wie klein, groß, schwer oder leicht er sein mag.

 

Der Größenunterschied, von dem der Tanzlehrer spricht, ist bei Licht betrachtet marginal. Seine Partnerin überragt ihn um vielleicht drei Zentimeter überragen und tanzt so wunderbar, dass wohl jeder Führende, egal wie groß oder klein, Spaß mit ihr hat. Um sich in in einer Umarmung wohl zu fühlen, kommt es nicht vor allem auf die Körpergröße an. Dennoch gibt es Konstellationen, die dazu führen, dass ich eine Tanda lang damit beschäftigt bin, mich körperlich zu arrangieren. Wenn Wohlgefühl sich partout nicht einstellen will, hat das schon auch damit zu tun, dass es körperlich einfach nicht passt.

 

 

"Kopfüber in den Ausschnitt" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tangokultur.info

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"