Tango Kolumne
Magische Momente

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 20 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tango-Kolumne immer so theatralisch

Man kann sie nicht bestellen, die magischen Momente, wie ein Stück Pizza oder ein Kräuter-Omelette. Magisch ist ein Moment, wenn wir uns und unsere Umgebung vergessen und verschmelzen: mit unserem Tanzpartner, mit der Musik. Selbstvergessenheit wird stets als magisch erlebt, in der Kunst, der Erotik und, natürlich, beim Tango. Und, jetzt kommt die gute Nachricht, man kann die magischen Momente zwar nicht bestellen, aber befördern. Auch bei einer so emotionalen Angelegenheit wie dem Tango ist ein gewisser Pragmatismus gefragt.

Eric zum Beispiel, von Beruf Ingenieur. Um als Anfänger nicht eine Frau nach der anderen mit seiner (wie er findet) mangelhaften Führung zu verprellen, geht er das Ganze strategisch an. Geduldig lässt er die Blicke kreisen, bis (wie die Tango-Etikette es lehrt) eine Frau sein Blinzeln erwidert, erst dann fordert er sie auf. Selbstbewusst nimmt er Tanzhaltung ein und bis sie irritiert registriert, dass er sie eher schiebt als mit ihr zu schweben, ist er bereits auf seine Kosten gekommen. „Beim ersten Tanz“, schmunzelt er, „suchen die meisten Frauen noch den Fehler bei sich, beim zweiten werden sie ruhig, weil sie überlegen, ob es vielleicht doch an mir liegt, und erst nach dem dritten verabschieden sie sich.“ Wer ihn kennt, tanzt auch mal freiwillig eine Runde mit ihm: einfach weil er nett ist. Und weil wir schließlich alle mal Anfänger/innen waren. Um es nicht zu bleiben, braucht es Übung, Übung, Übung. Und ein bisschen Humor.

Klar gibt es Abende, da will die gute Laune einfach nicht kommen. Schöner sind die Tage, wenn wir die Welt umarmen könnten, weil wir glücklich sind und inspiriert. Wenn das so ist, lässt der magische Moment sich nicht lange bitten. Er fühlt sich hingezogen zu Menschen, die vor Begeisterung sprühen. Manch- mal kippt eine gerade noch trübe Laune ja auch: weil man plötzlich etwas er- blickt, das sie verändert. Das kann ein Lächeln sein, eine Färbung des Himmels... oder ein paar Beine, die sich bewegen, dass man mittanzen will. Einer Katze nicht unähnlich warte ich dann auf den Moment, da der dazu gehörige Tänzer allein ist, schleiche mich an, werfe ein Kompliment (oh ja, so was mögen auch Männer) und bitte (alle Tangoregeln ignorierend) um einen Tanz. Wenn dann der Tanguero, den ich eben noch bewundert habe, zur Umarmung einlädt, beginnt (fast wie auf Bestellung) einer der Momente, die etwas Besonderes sind.

Es ist aufregend, Regeln über Bord zu werfen und Träume zu leben. Vor allem dafür liebe ich Tango: dass er mich dazu verführt.

 

 

"Magische Momente" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

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