Tango Kolumne
Nach der Milonga

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 21 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tango-Kolumne immer so theatralisch

Je schöner die Milonga, desto leerer das Bett. Jedenfalls für alle Singles unter uns. Was liegt da näher als auszuprobieren, was noch so geht, um 2 Uhr nachts in Berlin...? „Wollen wir noch was trinken?!“ Ja, klar wollen wir das.

Ein paar Kneipen haben noch offen, voller Alkohol, meist auch voller Rauch. Ich werde in eine Lieblingskneipe nach Kreuzberg geführt, wir stoßen an. Meine Tangobekanntschaft ist eine attraktive Erscheinung und arbeitet als Drehbuchautor und Regisseur. Wie die Dinge liegen, flirten wir ein wenig und ich ziehe alle journalistischen Register, um hinter sein Geheimnis zu kommen: das Geheimnis, weshalb er nachts um 2 Uhr mit einer fremden Frau in eine Bar geht, statt bei seiner eigenen zu sein.

Zuhause warten Erinnerungen auf mich. Wie es weiterging nach den Milongas, als ich noch Teil eines Paars war. Kerzenschein, barfuß, Tango privat. Den schönsten Tänzer hatte ich für mich allein. Die Eifersucht machte alles kaputt.

Nun ist mein Kontakte-Kalender um einen Eintrag reicher. Und die Nacht fast vorbei. Am frühen Morgen ist die Leere besser auszuhalten. Gleich werden die Müllmänner vorfahren und die Laster von PENNY.

Ich setze mich in die Küche, schreibe einen Liedtext: Hab keine Nummer, keinen Namen,/Nur diese Sehnsucht, die begann/Als ich beim Tango selbst- vergessen/Mich fallen ließ in seinen Arm. Ich bin nicht der einzige Single in Berlin. Und habe den ganzen Abend getanzt, immerhin. Dennoch tue ich mir leid, in diesem Moment. Als ich ihn sah, mein Auge lachte/Die Hüften schwan- gen wie von allein,/Der erste Tanz und meine Beine/Waren schwerelos, so muss das sein. Als ich bei der letzten Strophe ankomme, weicht die Nacht zu- rück und fast sieht es aus, als hätte mich die Liebe verlassen für dieses Lied: Und dann das Ende, jäh und plötzlich/Steh ich allein, es regnet, nichts/Ist mir geblieben als die Sehnsucht/Nach noch mehr Tango... und er ist fort. Melancholie ist die Mutter der Poesie. Und des Tango. Ich werde immer mit ihm tanzen,/Ich werde tanzen, wenn auch allein,/In meinen Träumen wird er mich halten/Der mich im Regen stehen ließ. Wie gerne würde ich jetzt tanzen, im Morgengrauen, in den Armen des Mannes, den ich liebe und von dem ich getrennt bin, weil es Dinge gibt, die kann man nicht besitzen, sondern nur genießen. Oder vermissen. Sich danach sehnen. Und darum trauern.

 

 

"Nach der Milonga" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

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