Kolumne
Normalität hat Pause

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 5 DER REIHE "IN LOVE WITH TANGO" VON LEA MARTIN

Tangokolumne Normalität hat Pause. Tango in Zeiten des Coronavirus.

Tangotänzer/innen sind der tragende Teil der Tangoszene. Wir profitieren von dem zuverlässigen Engagement von Tango-Profis, ohne uns weiter da- rum kümmern zu müssen. Normalerweise. Doch die Normalität hat Pause. In Berlin wurde als erstes die Milonga Popular abgesagt. Es folgte die schöne Idee des Nou, die Milonga-Musik zu streamen, verbunden mit einem Spendenaufruf. Auch das Tangotanzenmachtschön ruft zu Spenden auf. Das Tangoloft und das Art. 13 unterbrechen ihren Betrieb, ohne Spendenaufruf. Werden ihnen die Einnahmen nicht fehlen? Werden hier keine laufende Kosten gezahlt, vor allem hohe Mieten? Wenn jede/r der ca. 20.000 Tangotänzer/innen in Berlin von dem Geld, das er oder sie aktuell nicht auf Milongas ausgibt, auch nur einen Euro pro Monat spendet, würde die finanzielle Situation von Tangoschulen und ihrem Lehrpersonal entspannt. Die Tango-Profis würden spüren, dass wir sie tragen.

 

Normalerweise wird die Tangoszene von Profis geführt. Jetzt haben wir, die wir den Tango »nur« lieben, die Chance zu zeigen, was unsere Liebe bedeutet. Zu lieben heißt, jemanden in der Not nicht fallen lassen, sondern ihm beistehen. Tango zu lieben heißt für mich jetzt, meinen Beitrag zu leisten, damit die Tangoszene den Corona-Virus gut übersteht. Ich habe hohen Respekt vor all den freiberuflichen Lehrerinnen und Lehrern, die aus Verantwortungsbewusstsein in der aktuellen Situation darauf verzichten zu unterrichten, und ich möchte ihnen allen helfen. Des- halb wünsche ich mir eine Spendenaktion für alle Tango-Einrichtungen, auch für die, die noch kein Konto eingerichtet haben. Klar kann man sich erst mal auch nur an den beiden bereits eingerichteten Spendenaktionen beteiligen, aber ein bisschen kommt mir das vor wie in der Politik, wo die föderale Organisation Deutschlands gerade ihre Nachteile offenbart. Ich weiß, dass viele das anders sehen. Wo ich arbeite, werden hitzige Diskussionen zu diesem Thema geführt. Jedes Bundesland, jeder Betrieb, jedes Unternehmen trifft seine eigenen Entscheidungen. Das ergibt einen Flickenteppich aus Entscheidungen, der nicht allen das Gefühl von Sicherheit vermittelt, das sie sich wünschen. Auch wer an das Gute im Menschen glaubt, weiß, wie vielen das eigene Hemd näher ist als das des anderen. In Zeiten der Not hat Rücksicht auf Schwächere keine Hochkonjunktur. Dabei brauchen sie gerade dann besonderen Schutz.

 

Es geht darum, Zeit zu gewinnen, damit die (erschreckend wenigen) Betten in den Krankenhäusern ausreichen, wenn die Corona-Ansteckungskurve auf die geschätzten zwei Drittel der Bevölkerung hochläuft. In dieser Situation wünsche ich mir klare Entscheidungen, zu Gunsten der Schwächsten. Für die Tangoszene heißt das in meinen Augen, all die Tangoprofis mitzudenken, die noch kein Konto eingerichtet haben.

 

„Normalität hat Pause“ aus "In Love With Tango"

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2020
Foto: Aus dem Archiv von tango-argentino-online.com

 

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