Jeder tanzt für sich allein

Zwischen Vernunft und Realitätsverlust in der Pandemie



Gerne wird der Tango als Rückzugsort gesehen, als Oase abseits des grauen Alltags. Die Tangueras und Tangueros wollen tanzen, sie wollen die Musik genießen und in eine Welt eintauchen, die nichts mit der oft verstörenden Realität da draußen zu tun hat. Oft klappt das. Und das ist gut so. Wer eine Milonga besucht, erwartet Entspannung und Geselligkeit. Gespräche über Politik, Religion und andere konfliktaffine Themen sollten tabu sein. Soweit der Verhaltenskodex.

Derzeit wird kein Tango getanzt. Zumindest nicht im öffentlichen Rahmen. Jeder tanz für sich allein. Privat. Das Virus hat die Tangoszene und die Welt im Griff - und ein Ende ist noch nicht absehbar. Viele leiden unter der Situation. Existenzen sind gefährdet. Der für uns Menschen so wichtige physische Kontakt fehlt. Das alles nagt an der Seele - und schnell gewinnt das Emotionale die Oberhand über das Sachliche. Das zeigen Diskussionen in den so genannten sozialen Netzwerken, die oft einen gewissen Unterhaltungswert hätten, wenn die Lage nicht so ernst wäre.


Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit der von der Politik beschlossenen Maßnahmen sind unbedingt notwendig und werden zurecht geführt. Coronabedingte Gesetzesänderungen müssen kritisch hinterfragt werden. Wenn die Freiheit einer Gesellschaft vorübergehend in Teilen eingeschränkt wird, muß das schlüssig begründet werden. Aktuell hinterläßt die Bundesregierung nicht immer einen souveränen Eindruck. Zu Beginn der Krise war das zu entschuldigen, da die Situation für alle neu war. Inzwischen jedoch sollte aus den gesammelten Erfahrungen heraus zumindest erkennbar sein, welchen sinnvollen und zumindest mittelfristigen Rahmen die Politik im Umgang mit der Pandemie setzen will. Auch über Ländergrenzen hinweg. Die ruhige, besonnene Art der Kanzlerin ist oft gut und hilfreich. Das allein wird auf Dauer jedoch nicht ausreichen, um das Virus zu besiegen. Die Fragen sind: Wie können wir als Gesellschaft mit dem Virus leben, ohne rigoros viele Bereiche einfach dicht zu machen? Und wie schaffen wir es in unserer demokratischen Gesellschaft, gemeinsam eine gute Lösung zu finden? Die Antwort darf auf keinen Fall sein, das System grundsätzlich in Frage zu stellen und die Regierung zu „stürzen“. Das wird uns nicht weiter bringen. Auf Chaos hat die große Mehrheit keine Lust. In einer Demokratie werden die Volksvertreter gewählt - und sie werden wieder abgewählt. Sie werden NICHT von jenen legitimiert, die auf Querdenker-Demos lautstark „Wir sind das Volk!“ herausbrüllen, denn die Teilnehmer dieser Versammlungen sind NICHT das Volk. Sie sind (auch wenn sie anderes behaupten) nur ein kleiner Teil davon. Sie sind NICHT die Mehrheit. Und das bleibt hoffentlich auch so! Einige Querdenker sind offenbar tatsächlich der Meinung, den Willen des Volkes zu vertreten. Das ist lächerlich.


An dieser Stelle sei angemerkt, dass es sicher einige Teilnehmer an Querdenker-Demos gibt, die nichts mit Hass und Gewalt zu tun haben und die sich lediglich mit ihren Botschaften Gehör verschaffen wollen. Sie sollten sich jedoch darüber bewußt sein, dass sie Neonazis, Reichsbürgern, Hardcore-Esoterikern und Realitätsleugnern eine Plattform bieten.

Im Kern sind einige ihrer kritischen Fragen durchaus berechtigt: Wie sicher ist ein Impfstoff, wenn es ihn denn geben sollte? Wird Corona dazu genutzt, um im Hintergrund Gesetze so abzuändern, dass sie dauerhaft Freiheitsgrundsätze in Frage stellen? Wer sind die Profiteure der Krise - und warum? Warum steht die Union in Umfragen so gut da, obwohl ihre Politik maßgeblich dazu beigetragen hat, dass wir beispielsweise mit einem „Pflegenotstand“ zu kämpfen haben? Warum sind wir so fixiert auf Covid-19? Warum wird in anderen Bereichen, wie zum Beispiel den Klimaschutz, nicht ebenso konsequent gehandelt?


Es gibt viele offene Punkte, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. In einer pluralistischen Gesellschaft läuft zwangsläufig nicht alles rund. Aber damit es einigermaßen rund läuft, ist eine offene, transparente und auf nachweisbaren Fakten basierende Diskussion erforderlich. Auf allen Seiten. Und zwar im Sinne der Gemeinschaft und dem Grundrecht auf Freiheit, nicht im Sinne von Einzelinteressen und einflussreichen Lobbyverbänden. Und auch die Politik muß in der Lage sein, Entscheidungen zu revidieren, wenn diese sich als nicht zielführend herausgestellt haben.


Auch in der Tangoszene wird man mit Meinungen konfrontiert, die man für krass halten kann - oder für normal - oder für überflüssig. Je nach Sichtweise. Jeder darf ja eine Meinung haben, womit wir wieder bei den Diskussionen wären, die auf den „sozialen Medien“ geführt werden.


Vielleicht muß man tolerieren, dass es auch in der Tangoszene Trump- und AFD-Sympathisanten gibt. Vielleicht muß man auch die selbsternannten „Querdenker“ tolerieren, die für ihre vermeintliche Freiheit auf die Straße gehen und es offenbar völlig in Ordnung finden, Seite an Seite mit Neonazis zu marschieren. Aber muß man auch tolerieren, wenn Behauptungen aufgestellt werden, die nicht belegbar sind?

Hier Beispiele: Nach der US-Wahl wurde von einer Facebook-Nutzerin behauptet, Biden hätte nur durch Wahlbetrug gewonnen und er wäre pädophil* (hier werden ungefiltert Behauptungen aufgegriffen, die während es US-Wahlkampfes von Trump verbreitet wurden).

Ein anderer Facebook-Nutzer schreibt, Biden sei ein Kriegstreiber, Russlandhasser und: „Mit Biden wird es ein böses Erwachen geben!“

Andere äußern sich negativ gegen Asylanten oder teilen Berichte mit Überschriften wie „Das Volk Argentiniens zwingt die Regierung in die Knie: Lockdown wird aufgehoben!“ (erschienen im Schild Verlag). In der Süddeutschen Zeitung** wird das Thema im Artikel "Knietief im Dispo" etwas anders dargestellt. Dort heißt es zu den Lockerungen in Argentinien etwa sachlicher: „Am Ende ist die neue Freiheit kaum mehr als ein neuer Name.“ (Hintergrund: Die ASPO wurde von der DISPO abgelöst. Die Abkürzung steht für gemäßigte Maßnahmen im Kampf gegen das Virus. So entfällt beispielsweise die strenge Quarantäne. Von einer vollständigen Aufhebung des Lockdowns ist nicht die Rede).


Es gibt viele weitere Beispiele von absurden Behauptungen und die Verbreitung von Fake News innerhalb der Tangoszene. Unter ihnen offenbar Systemhasser und Hardcore-Esoteriker, die nicht sachlich und argumentativ auf dem Boden der Tatsachen stehen, sondern die sektengleich vermeintlichen Heilsbringern folgen und sogenannten alternativen Medien Glauben schenken. Und wenn sie nicht mehr weiter wissen, beschimpfen sie andere. Einige von ihnen sind offenbar nicht in der Lage, sich einer sachlichen Diskussion zu stellen oder sich konstruktiv einzubringen. Sie klammern sich an Fake News, die in ihr Weltbild passen. Man kann das tolerieren - oder lachhaft finden. Auf jeden Fall sehnt man das Ende der Pandemie herbei, um im geschützten und politikfreien Bereich einer Milonga dem Alltag zu entfliehen und nicht mehr allein tanzen zu müssen. Sie Sehnsucht nach der alten Ordnung ist groß. Die Erinnerung an eine Zeit, in der noch überschaubare Probleme zur Diskussion standen und man bei einem Glas Rotwein darüber philosophierte, was denn der „wahre Tango“ sei und ob es den überhaupt gibt - und nebenbei entspannt auf den nächsten schönen Tanz wartete.


Dieser Artikel soll mit einem Zitat abgeschlossen werden, das Loriot zugeschrieben wird: „Intelligente suchen in Krisenzeiten nach Lösungen, während die Idioten nach Schuldigen suchen“.


Hat Loriot das wirklich gesagt? Beim Bayerischen Rundfunk gibt es dazu einen schönen Bericht, der zeigt, wie wichtig es ist, immer wieder Quellen und Hintergründe zu hinterfragen. Egal, ob bei etablierten, alternativen oder sonstigen Medien.

>> zum Bericht im Bayerischen Rundfunk

* >> Faktencheck (zum Vorwurf, Biden wäre pädophil)

** >> zum Bericht in der Süddeutschen Zeitung über die Lage in Argentinien: Knietief im Dispo


Linktipp:

>> "Corona: Sicherheit kontra Freiheit" - Dokumentation bei ARTE



Leserbriefe gerne an info@tango-argentino-online.com (oder einfach die Kommentarfunktion nutzen). Bitte daran denken, in der Diskussion respektvoll, sachlich und konstruktiv zu bleiben. Kommentare in den sozialen Medien werden i.d.R. nicht kommentiert oder beantwortet.



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