Kein Tango ist auch keine Lösung


Kein Tango ist auch keine Lösung

Am 28. Oktober haben Bundesregierung und die Länderchefs den zweiten Lockdown beschlossen, der am 02. November beginnen wird, den ganzen Monat andauern soll und der auch die Kulturschaffenden wieder einmal hart trifft. Für die Tangoszene heißt das: Tangostudios müssen wieder schließen, und Tangomusiker dürfen nicht auftreten. Für die Tango-Professionals ist das ein weiterer Tiefschlag. Im Monat November heißt es wieder einmal, Solidarität zu zeigen und gemeinsam alles dafür zu tun, das Virus einzudämmen. Die mühsam ausgearbeiteten Hygienekonzepte und das Achten auf Abstand und Maskentragen bei Kursen und Practicas sind plötzlich nichts mehr wert. Das ist bitter, aber im Sinne des Gesundheitsschutzes offenbar notwendig.

Ab dem 02. November geht also tangotechnisch nichts mehr (außer, dass sich voraussichtlich das Tangotanzen noch mehr in den privaten Bereich verlagern wird). Bis zum 01. November gelten jedoch noch die alten Regeln. Das nutzen Tangostudios und Veranstalter aus und bieten unter den bekannten Auflagen noch Kurse, Mini-Milongas und Prácticas an. Das ist legitim - auch wenn es Vorwürfe gibt, dass es unverantwortlich und egoistisch sei, jetzt noch die genannten Veranstaltungen anzubieten. Doch wäre eine sofortige Absage direkt nach Bekanntgabe der neuen Regelungen zielführend gewesen?

Die Politik ist dafür da, den Rahmen zu setzen. Und zwar einen klaren, eindeutigen und für alle verbindlichen Rahmen. Die Frage sollte also sein, warum die politischen Entscheidungsträger nicht sofort alles runtergefahren haben! Warum erst ab dem 02. November? Und warum nicht für alle Bereiche, die zwangsläufig kontaktaffin sind? Warum gibt es Ausnahmen, die auch bei tiefergehender Betrachtung nicht nachvollziehbar sind? Und warum wurden die bisherigen Maßnahmen nicht konsequent umgesetzt (Durchsetzung der Maskenpflicht, Verhängung von Bußgeldern etc.)?

Vielleicht wäre es sogar sinnvoller, Tanz-, Kultur- und andere Freizeitangebote unter Auflagen offen zu halten, weil die Umsetzung der Hygiene- und Abstandsregeln dort garantiert sind. Mit dem Lockdown besteht die Gefahr, dass sich viele Aktivitäten noch mehr in den privaten Bereich verlagern. Dadurch wird die Nachverfolgung schwieriger, wenn nicht unmöglich.

Und wenn schon Verordnungen auf den Weg gebracht werden, sollten die zuständigen Behörden zumindest wissen, was sie tun und Auskunft geben können. Mit den neuen Regeln tauchen berechtigte Fragen auf: Dürfen TangolehrerInnen Einzelstunden anbieten? Dürfen Tangostudios für Aktivitäten vermietet werden, die nicht unter den Lockdown fallen? Warum dürfen offenbar in Sachsen-Anhalt Tanzschulen weiter unterrichten, woanders aber nicht? Warum kann eine Behörde auf Anfrage auf die gestellten Fragen keine individuelle Antwort geben und verweist hilflos auf die jeweils aktuelle Verordnung?

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Es gibt keinen komfortablen Weg am Virus vorbei. Die Lage ist ernst. Alle müssen Verantwortung übernehmen und Kontakte auf ein Minimum beschränken oder (wo möglich), ganz unterbinden. Die Diskussion um eine angebliche Systemrelevanz mancher Branchen oder Institutionen, die unbedingt weiterarbeiten müssen, sollte man nicht zu weit fassen. Zumindest, wenn man es ernst meint mit der Einschätzung zum Ernst der Lage.

Es ist gut, dass Kitas, Schulen und andere Bildungseinrichtungen so lange wie möglich offen bleiben. Das gilt sicher auch für den Bereich Gesundheit - und auch für den Einzelhandel, der Waren für den täglich notwendigen Bedarf anbietet. Aber sind, als Beispiel, Schlachthöfe und Fleischfabriken, aus denen immer wieder viele Coronafälle gemeldet werden, systemrelevant?

Zurück zum Tango: Natürlich muß die Szene Triebverzicht üben (möglichst wenig Kontakte, Abstand, fester Tanzpartner). Aber ist gar nicht tanzen die Lösung? Wir können uns nicht alle totstellen. Das Leben geht ja weiter - irgendwie. Und in möglichst vielen Momenten sollte es trotzdem auch noch Spaß machen dürfen.



Foto: Stockfoto

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