Logbuch: Das Nou Mitte in Berlin

Tanz in die Zukunft: Teil 5

In unserer Reihe "Tanz in die Zukunft" stellen wir Tango-Professionals und ihre Pläne für die Zukunft vor. Wie sind sie durch die Krise gekommen? Was planen sie für den Re-Start und die Zeit danach? Thomas Rieser berichtet über das Nou Mitte in Berlin:


Schwebezustand


Anfang des Jahres 2020 tauchen die ersten Vermutungen auf, dass sich Covid-19 und Tango nicht gut vertragen und das es wohl keine harmonische Beziehung werden wird. Am 13. März 2020 stellen wir den Betrieb ein und streamen die erste Nou Tango Radio Milonga. Das Licht ist gedimmt, die Kerzen an, nur der Raum ist vollkommen leer. DJ Francesco legt für 100 Gäste auf die von zu Hause zugeschaltet sind. Es wird getanzt und gechattet, Tränen fließen digital und analog, ein starkes Gemeinschaftsgefühl ist spürbar und die Sehnsucht zusammen zu sein ist groß. Das Parkett unter unseren Füßen ist verschwunden, der Schwebezustand beginnt.

Tango mit Corona: kein Dream-Team, aber nicht unmöglich

Die Wochen des 1. Lockdowns sind von schönem Frühlingswetter geprägt, schneller finanzieller Unterstützung des Bundes und einer überwältigenden Solidarisierung und Unterstützung der Tangoszene. Wir können die Zeit nutzen Renovierungsarbeiten im Nou Mitte zu machen die vorher so nie möglich waren. Parallel dazu kommen Schreckensnachrichten aus anderen Ländern. Die Frage nach der Gefährlichkeit des Virus und dem Un/Sinn der Maßnahmen spaltet die Gesellschaft und wird auch in der Tangoszene diskutiert. Es gibt viele Meinungen, Überzeugungen, Gewissheiten und Wahrheiten. Manchmal könnte man meinen zu viele. Am 2. Juni können wir wieder öffnen und erleben einen unerwartet schönen Tango-Sommer mit vielen Blüten. Der Unterricht in kleinen Gruppen entpuppt sich als schöner und intensiver als vermutet, obgleich nur 25% der Schüler:innen kommen die vor Corona bei uns getanzt haben. Am 3. Juni tanzen wir im Rahmen des Aktionstages „Weltkulturerbe Tango Argentino in Deutschland retten“ vor dem Bundeskanzleramt. Ende Juli sind wir zu Workshops auf Rügen, ursprünglich als Insel-Festival geplant ist diese Reise zwar anders, aber nicht weniger schön. Die Dankbarkeit wieder zusammen tanzen zu können, wenn auch ohne Partnerwechsel, ist überall spürbar. Zusammen mit Daniela Wittenberg veranstalten wir zwei Open-Air Milongas auf Schloß Schwante was nach Monaten der Abstinenz ein wundervolles Erlebnis ist. Anfang Oktober treffen sich 20 Musiker im Nou Mitte zu einem Orchester Workshop mit Roger Helou. Nach vier Probentagen gibt es ein emotionales und sehr konzentriertes Abschlusskonzert mit 50 Gästen, tanzen ist dabei leider nicht möglich. Das Nou Mitte wird im Sommer viel genutzt, wir haben Seminarvermietungen, Kurse, Workshops, Training, alles unter entsprechenden Auflagen, deren Umsetzung schnell routiniert und verlässlich funktioniert. Wenn auch kein Dream-Team, so zeigt sich doch, das Tango mit Corona möglich ist.

Hell und dunkel


Am 20. Oktober erhalten wir eine Zusage unseres Förderantrages Dis-Tanz-Impuls im Rahmen von Neustart Kultur. Damit können wir unsere Lüftung modernisieren, die Website den neuen Anforderungen anpassen und ein Tanz-Theater produzieren. Am 2. November müssen wir wieder schließen. Hell und dunkel liegen sehr nah beieinander und der Winter macht den 2. Lockdown emotional nicht einfacher. Vieles ist nun schon eingeübt und geht leichter als im März. Wir wissen in etwa worauf wir uns einstellen und die Kommunikationskanäle stehen. Die Lage ist jedoch ernster als im Frühjahr und ein Licht am Ende des Tunnels nicht sichtbar. Die Nerven sind vielerorts angespannt. Mit unseren Adventskalender-Videos bedanken wir uns für die Unterstützung und Begleitung im vergangenen Jahr. Ohne den Rückhalt aus der Szene würde es das Nou Mitte nicht mehr geben.

2021

Was wir tun macht nur Sinn im direkten Kontakt mit anderen Menschen, unseren Schüler:innen und Veranstaltungs-Gästen. Den Kontakt zu pflegen, und trotz der Widrigkeiten auch neue Menschen für den Tango zu begeistern, ist unser Fokus für die kommenden Monate. Tango ist eine lebendige Kultur, die auf den Fluss zwischen gestern und morgen angewiesen ist. Es ist an uns diese Kultur lebendig zu halten. Wenn alles gut geht können wir in diesem Jahr das Theaterstück „Un Año“ zeigen. Die Hauptrolle spielt Corona.


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Fotos Saal Nou Mitte und Thomas Rieser: René Löffler