Reisebericht: Buenos Aires nach der Pandemie - Teil 1

Taxifahren in Buenos Aires – „sin esperanza“ (ohne Hoffnung)?



Reisebericht von Christine Garbe: Buenos Aires nach der Pandemie, Milonga im "El Beso"
Milonga im "El Beso" / Foto: Christine Garbe

Nach zwei von der Pandemie gezeichneten Jahren, in denen ich nicht wie all die Jahre zuvor nach Buenos Aires reisen konnte, ist diese Reise – sieben Wochen im Februar und März 2022 – von der bangen Frage begleitet, ob und wie sich meine geliebte Stadt und ihre Milongas durch die Pandemie verändert haben mögen. Diese Frage bewegt, wie ich weiß, auch viele andere (nicht nur Tangotänzer*innen), darum will ich einige Impressionen hier teilen. Ich beginne mit einem scheinbaren Detail, das doch für vieles andere steht: das Taxifahren in Buenos Aires. Das ist etwas, das mich schon immer an dieser Stadt fasziniert hat: Tag und Nacht fahren Unmengen der schwarz-gelben Taxis durch die Stadt, und wo immer man sich gerade befindet, man stellt sich normalerweise an die Straße und innerhalb der nächsten fünf Minuten kommt sicher ein Taxi mit dem beleuchteten „Libre“-Schild in der Frontscheibe vorbei, man winkt und schon hat man einen Lift. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hat das in den letzten zwölf Jahren, seit ich regelmäßig nach Buenos Aires reise, immer funktioniert, und es ist für mich ein Inbegriff der vibrierenden Energie dieser Stadt, die mich immer wieder anzieht.

Das Taxifahren war hier seit dieser Zeit immer schon für Europäer unvergleichlich günstig, man kam gewöhnlich für drei bis fünf Euro auch an weit entfernte Ziele. Aber mehr als das: Die Taxifahrer hier sind auch eine besonders liebenswerte Spezies, ich habe fast nie schlechte Erfahrungen gemacht, wie man sie aus vielen Ländern kennt, wo Taxifahrer die Touristen unnötige Umwege fahren oder Taxiuhren so manipulieren, dass sie ein Vielfaches kassieren. Nicht so in Buenos Aires: Hier erwartet niemand ein Trinkgeld vom Fahrgast und viele Taxifahrer lieben es, mit ihren Fahrgästen einen Plausch zu halten, über Gott und die Welt zu philosophieren oder sich angeregt nach dem Liebesleben der Fahrgästin zu erkundigen – ich könnte dazu viele Stories erzählen ... Und es ist mir häufig passiert, wenn ich mit anderen Frauen herausgeputzt am Abend zur Milonga gefahren bin, dass der Taxifahrer bei Nennung der Adresse bereits wusste, in welche Milonga wir fahren wollten, das Tangoradio anstellte oder anfing selbst Tangos zu singen. Kurzum – ich liebe die Taxifahrer in Buenos Aires, sie repräsentieren für mich etwas, das ich hier so schätze: Die Menschen haben kein einfaches Leben, aber sie gewinnen ihm die besten Seiten ab. Viele Taxifahrer sitzen zwölf Stunden oder mehr in ihren Autos, um das zum Leben Notwendige zu verdienen, d.h. ihr Leben spielt sich weitgehend im Taxi ab. Aber statt daran zu verzweifeln, machen sie das Beste daraus, plaudern und scherzen mit ihren Fahrgästen und versuchen sich die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.


So also war es früher – aber wie würde es diesmal sein, nach dem harten Lockdown in Argentinien, der grassierenden Armut und der horrenden Inflation? Bereits am ersten Tag, als ich durch die Straßen meines privilegierten Wohnviertels Palermo Hollywood lief, fiel mir auf: Es sind viel weniger Taxis unterwegs als ich gewohnt bin. Und auf der verkehrsreichen Avenida Santa Fé konnte ich noch etwas anderes beobachten: Es fahren viele schwarz-gelbe Autos herum ohne das übliche Taxischild auf dem Dach... Am Abend fahre ich in meine erste Milonga im El Beso, wie üblich mit dem Taxi (zum Glück finde ich rasch eins) und kann meinen Eindruck überprüfen: Ein eher mürrischer, schweigsamer Taxifahrer bestätigt mir auf Nachfrage, dass sich die Zahl der Taxifahrer in der Pandemie erheblich reduziert habe, von vorher 38.000 Taxis in der Stadt um – sage und schreibe! – 25.000 auf jetzt ca. 13.000 Taxis, d.h. um zwei Drittel weniger!!! Die anderen hätten nicht überleben können ... oh weh, wie traurig! Das Leben ist härter geworden, der Überlebenskampf prägt das tägliche Leben, das verheißt nichts Gutes, vielleicht hat die Pandemie eine Tendenz beschleunigt, die Postkolonialismus, Neoliberalismus und Globalisierung uns schon seit einigen Jahrzehnten bescheren und die meinen Nachbarn beim Flug von Paris nach Buenos Aires (einen Argentinier) dazu bewogen haben, vor einigen Jahren nach Paris auszuwandern: Buenos Aires sei nicht mehr dasselbe wie früher, das Leben und die Menschen seien so viel härter geworden ...

Ja, denke ich, vielleicht sind die taxistas ein Indiz dafür ... Und dann verbringe ich meinen ersten Tangoabend in BA seit zwei Jahren in einer meiner liebsten Milongas, dem El Beso (dt. „Der Kuss“), und habe das Glück einen guten Eintänzer zu haben und viele Tänze und zauberhafte Begegnungen und am Ende für die letzte Tanda auf der fast schon leeren Tanzfläche einen fantastischen Tänzer, und dann verlasse ich die Milonga nach 2 Uhr morgens im beschwingten Hochgefühl. Auf der Avenida Corrientes um die Ecke (dem „Broadway“ von Buenos Aires) ist es auch um 2 Uhr nachts leicht ein Taxi anzuhalten, ich warte keine drei Minuten. Gut gelaunt steige ich in das Taxi und schwärme von den lauen Nächten in BA und den wunderbaren Milongas ... und es stellt sich schnell heraus, dass der Taxifahrer auch Tango tanzt (oder getanzt hat?) und er singe auch und wenig später fragt er, ob er mir etwas vorsingen solle? Claro, sage ich, das sei bestimmt besser als das Radio ... und schon legt er los, stellt für seine Karaoke eine Cumbia an, volle Lautstärke bei geöffneten Fenstern, nimmt ein Pseudo-Mikrofon in die Hand und singt aus voller Kehle den Ohrwurm „Una Cerveza“, auch bekannt unter dem Titel „Sin esperanza“, ich singe und klatsche mit, und vor den roten Ampeln sitzen die jungen Leute am Straßenrand und winken uns begeistert zu ... So fahren wir nachts um 2.30 Uhr die lange Avenida Cordoba entlang (die zieht sich bis Palermo Hollywood über Kilometer) und singen unsere Lebensfreude in die nächtliche Stadt hinaus, die hier nie zur Ruhe kommt, und ich denke voller Dankbarkeit und Glückseligkeit: Es gibt es doch noch, mi Buenos Aires querido, mein geliebtes Buenos Aires... Hypólito, mein Taxifahrer, versäumt es natürlich nicht, mir vor dem Aussteigen zu erklären, dass ich eine wunderbare Frau sei und fantastisch aussehe... „Wann gehen wir zusammen tanzen?“ – „Ich gehe morgen ins El Gricel.“ – „Okay, ich komme auch. Du hast seit heute einen neuen Freund.“ Ja, das ist Buenos Aires... und natürlich wartet der Kavalier alter Schule vor meiner Haustür, bis ich die Tür aufgeschlossen habe und sicher im Inneren des Hauses angekommen bin und ihm eine Kusshand zuwerfe ... Und dann sitze ich um 3 Uhr nachts bei 21 Grad auf meinem Balkon und muss erst einmal aufschreiben was mich bewegt ...



Text: Christine Garbe

(Bericht von Ihrer Reise nach Buenos Aires im Februar/März 2022)


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