Tanz mit dem Coronavirus

Die Krise beweist: Tango immunisiert nicht gegen Verschwörungstheorien





Die Coronakrise trifft die Tangoszene ins Herz. Nichts ist mehr, wie es vor Corona war. Die Lage ist unübersichtlich. Und niemand weiß, wie die Entwicklung in den nächsten Monaten oder gar Jahren aussehen wird. Für Tangostudios, Milonga-Veranstalter, DJs, Tangomusiker und Anbieter von Tangoreisen gibt es derzeit keine Planungssicherheit. Nicht wenige stehen vor dem Aus. Auch der Einzelhandel leidet: Wer braucht ein neues Tangokleid oder neue Tangoschuhe, wenn es keine richtigen Milongas gibt? Viele sind unsicher, ob sie einen Tangokurs besuchen sollen. Sie halten sich zurück, denn dort könnte man sich ja anstecken. Andere besuchen Prácticas und Workshops, tragen Masken und wahren Abstand. Sie wollen das Leben weiterhin genießen, nehmen jedoch auch Rücksicht. Und sie zeigen Solidarität mit den Tangolehrern und Tangolehrerinnen. Und einige sehen es sehr locker und tun so, als würde es das Virus nicht geben.

Auch VerschwörungstheoretikerInnen tanzen Tango

In den so genannten sozialen Medien ist zu beobachten, wie die unterschiedlichsten Meinungen aufeinander treffen. Zwar ist das Niveau der Debatten oft sehr niedrig, aber die verschiedenen Sichtweisen zeigen die große Unsicherheit - und viele Ängste. Wer nicht aufpasst, wird selbst bei einem Kurs oder einer Práctica mit verstörenden Sichtweisen konfrontiert, wie das Beispiel aus einer Berliner Tangoschule zeigt: Eine Kursteilnehmerin klärt unvermittelt darüber auf, dass Kinder durch das Tragen von Masken gestorben seien. Den Hinweis, dass es sich hier um Fake-News handelt, lässt sie nicht gelten (Hinweis d. Red.: bei tagesschau.de gibt es den Bericht „Gezielte Gerüchte über Todesfälle durch Masken“ zum Nachlesen). Die Bitte, dass man nicht diskutieren wolle, wird ignoriert. Sie erzählt weiter, dass Bill Gates das Corona-Virus erfunden hat und uns alle Zwangsimpfen lassen will. Schließlich schürt sie die Angst, dass wir uns auf dem Weg in eine Diktatur befinden. Sie konnte die gesamte krude Bandbreite der Verschwörungstheoretiker runterbeten. Völlig abstrus!

Freie Meinungsäußerung oder gezielte Hetze?

Natürlich darf jeder bei uns seine Meinung frei äußern. Und das ist auch gut so. Dazu gehören auch jede Art von Demos, wenn sie verfassungskonform sind. Wenn jedoch Lügen verbreitet werden, ist das keine Meinungsäußerung, sondern oft gezielte Hetze. Jeder kann für oder gegen das bestehende System sein. Wenn man etwas verändern möchte, kann man politisch aktiv werden, sich einbringen, gestalten, sich für eine Wahl aufstellen, einen Volksentscheid vorantreiben oder eine Bürgerinitiative gründen. Und erst, wenn man demokratisch dazu legitimiert wurde und Mehrheiten für sich gewinnen konnte, kann man politische Entscheidungen und Gesetzgebungsverfahren mitgestalten. Das ist natürlich mühseliger, als einfach bei Facebook und auf anderen Plattformen seinen Frust loszuwerden, aus der Hüfte zu schießen und sich über die so genannte „Corona-Diktatur“ aufzuregen und dabei Behauptungen aufzustellen oder zu teilen, die weder nachvollziehbar, geschweige denn zu beweisen sind. Seriöse Quellenangaben sind bei den Corona-Leugnern in der Regel nicht zu finden. Nicht selten werden sogar Seiten mit rechtsextremen Inhalten bemüht. Leider auch unter Tangueras und Tangueros.

An der freien Meinungsäußerung darf kein Weg vorbei gehen! Wir müssen diskutieren. Auch innerhalb der Tangoszene. Dabei sollten wir uns jedoch an einem argumentativen Rahmen halten, der auf seriösen Quellen basiert. Über die politischen Entscheidungen kann man unterschiedlicher Meinung sein. Die diffusen, uneinheitlichen und oft nicht verhältnismäßigen Maßnahmen müssen in Frage gestellt werden. Keine Frage! Es muß einen transparenten Plan geben, der für alle nachvollziehbar und gültig ist. Eine Hinterzimmerpolitik darf es nicht geben. Und zum Stichwort Impfstoff: Die Pharmaindustrie darf nicht verteufelt, aber sie muß kritisch hinterfragt werden. Es darf niemand machen, was er (oder sie) will! Und schon gar nicht darf der finanzielle Profit im Vordergrund stehen. Es muß um gesellschaftlichen Zusammenhalt gehen. Und damit um unsere Freiheit! Der Mensch muß im Mittelpunkt stehen - nicht die primär auf Wachstum fixierte Wirtschaft. Wir alle wissen, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist. Gut, dass es bei uns im Land die Gewaltenteilung gibt. Wir müssen den politischen Vertretern (aber auch den profitorientierten Lobbygruppen) auf die Finger schauen. In Bezug auf Corona heißt das, nicht alles abzunicken, was politisch entschieden wird. Natürlich müssen Maßnahmen auch in Frage gestellt werden dürfen. Das heißt jedoch nicht, das Virus zu leugnen. Nach allem, was wir derzeit wissen, ist es weiterhin gefährlich. Wenn wir in der Tangoszene ein paar wichtige Basics in Sachen Rücksichtnahme beherzigen, werden wir gut durch die Krise tanzen. Zwar vorerst ohne die gewohnt vollen Milongas, ohne unbeschwerte Tangoreisen und ohne die gewohnte Nähe - doch gibt es sicher Schlimmeres, als Masken zu tragen, Abstand zu halten und regelmäßig zu lüften. Damit zeigen wir auch Solidarität mit den Tangoprofis. So können sie die Studios offen halten und wenigstens abgespeckten Tangounterricht und Prácticas anbieten. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ein wenig Umsatz zu erzielen. Nach wie vor sind viele von ihnen jedoch auch von Spenden abhängig (siehe auch unsere Spendenseite für Tangoprofis).

Gehen wir davon aus, dass die Maßnahmen dazu beitragen, das Virus zu besiegen. Am Ende werden wir den Tango-Restart gemeinsam feiern. Darauf freuen wir uns alle!

Fortsetzung: Teil 2 von "Tanz mit dem Coronavirus - Ist der Tango eine Blase oder Teil der Gesellschaft?": >>jetzt lesen

Wachsam bleiben! Hier gibt es weitere Informationen/Linktipps:


- Correctiv bietet einen Faktencheck zum Coronavirus an und hat einige Behauptungen geprüft: >>Link


- Auch der ARD-faktenfinder bietet Faktenchecks zur Corona-Pandemie: >> Link



Eine Replik:


Lea Martin hat die Kolumne "Wie (un)politisch ist Tango?" geschrieben: >> hier lesen



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