Tango Kolumne
Rollentausch

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 37 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Rollentausch

„Wieso gehst du nicht ins Kreuz..?!“ „Ich spüre nichts...!“ Verärgert schauen die Tanzpartner sich an. Aus der Traum vom intuitiven Verschmelzen. Der andere macht einfach nicht, was er soll. Hilfesuchend schauen beide zum Tanzlehrer, der den Streit schlichten möge. Wer von ihnen hat Recht..?!

 

Streit auf der Tanzfläche fühlt sich bedrohlich an, tatsächlich ist eher ungewöhnlich, wenn er ausbleibt. Ein Tanz so voller Leidenschaft und Energie wie der argentinische Tango kann kaum konfliktfrei gelernt werden, schon gar nicht von einem Paar, das auch außerhalb der Tanzfläche zusammen ist. Konfliktfreier Tango ist wie Zimtsterne ohne Zimt, wie Suppe ohne Salz, wie eine Nacht ohne Sterne. Tango lebt von Spannung, Dramatik, Impulsivität. Wer ihn lernen will, trägt den Funken in sich, der, schon bevor er sich körperlich umsetzen lässt, die Emotionen verwirrt. Wieso führt unser Partner so indifferent?! Wieso macht sie nicht einfach, was sie soll?!

 

„Ich zeige dir mal, wie du führst.“ Der Tanzlehrer nimmt den Führenden in den Arm. Überrascht stellt dieser fest: Kein Impuls zu spüren. Erleichtert, vielleicht auch triumphierend sieht die Folgende zu: Endlich mal jemand, der es ihrem Partner zeigt. Kurz darauf ist sie dran, der Tanzlehrer empfiehlt: „Wenn du zurückweichst, kann er dich nicht führen. Um etwas zu spüren, musst du bei ihm bleiben.“ Die Botschaft: Zu einem gelungenen Dialog gehören zwei. Wenn Signale nicht ankommen, kann das an Sender und Empfänger liegen.

 

Der Rollentausch verändert den Blickwinkel und führt zu mehr Verständnis für die Bedürfnisse des anderen. Wir gehen gelassener damit um, dass wir beide lernen müssen, aufeinander zu hören: körperlich, bei jedem Schritt... und in jeder Pause. Wenn wir gleichzeitig den Partner und die Rolle tauschen sollen, kann sich das anfühlen wie ein Salto Mortale auf dem Tangoparkett und uns komplett verwirren. Da hilft es kurz die Perspektive der Tanzlehrer/innen einzunehmen und sich klarzumachen: Wenn sie uns überfordern, dann nur, weil sie uns besonders viel geben wollen: von ihrer Erfahrung, ihrem Wissen, ihrer Leidenschaft. Manchmal vergessen sie, dass Tango zu lernen ebenso mühevoll ist wie das Erlernen einer fremden Sprache, deren Vokabeln wieder und wieder wiederholt sein wollen. Wenig Information ist da manchmal mehr.  Sonst gesellt sich zum Streit zwischen den Tanzpartnern noch der Frust auf den Lehrer, der als gemeinsamer Feind aber zumindest das Paar wieder vereint.

 

 

"Rollentausch" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"