Tango Kolumne
Spieglein, Spieglein

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 42 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Spieglein Spieglein

Sie ist schön. Anmutig. Weich. Und tanzt den ganzen Abend mit genau dem Mann, den ich mir ausgeguckt habe. Bei der vorangegangenen Milonga war er frei. Und ich entschied mich für einen anderen. Immer wieder, den ganzen Abend lang, fällt mein Blick auf die beiden. Sie sehen so anmutig aus. Glücklich. Und dann, eine Woche später, erscheint er mit einer anderen. Ähnlich schön. Ähnlich hingebungsvoll. Die erste Schöne sitzt jetzt an der Bar.

 

Wer ist die Schönste im ganzen Land?! Diese Frage ist auf Milongas zuhause. Es gibt so unglaublich viele schöne Frauen. Wartend schauen sie sich um. Die Tangueros haben die Wahl. Doch nicht nur die Konkurrenz der anderen Frauen ist auszuhalten. Sondern auch, von tollen Tänzern nach zwei Tänzen zum Platz zurückbegleitet zu werden. Ähnlich müssen sich Fußballspieler fühlen, die nach fünf Minuten Spielzeit ausgetauscht werden. Wer den Blues hat, bleibt besser zuhause. Man muss kein Model sein, um gut Tango zu tanzen. Und auch kein Narzisst. Obwohl ein Hauch Selbstverliebtheit nicht schadet. Das gewisse Etwas, das dem Tango Leben einhaucht, verdankt sich der Körperlichkeit seiner Protagonisten. Sie kennen ihren Körper, setzen ihn ein. Wer versucht ihn zu verstecken, bekommt ein Problem. Das betrifft durchaus auch Männer. Sowohl hinter zaghafter Scheu als auch hinter angespanntem Tempo verbirgt sich oft vor allem Unsicherheit. Das Geheimnis des Tango basiert auf selbstbewusstem Einsatz des eigenen Körpers. Wer sich verunsichern lässt, verliert die Keckheit, die den Tango zu dem macht, was er sein kann.

 

Wenn man auf der Ersatzbank sitzt, erscheinen die eigenen Schwächen überdeutlich. Allzu leicht messen wir uns an anderen, stellen Vergleiche an, fühlen uns schlecht. Nie werden wir so anmutig, so weich, so temperamentvoll wie all diejenigen tanzen, die wir vom Rand der Tanzfläche aus beobachten. Je mehr wir beobachten, desto heftiger wird der Blues, den wir fühlen. Wer aber würde Tango tanzen ohne ein bisschen Blues?! Salsa, Merengue, alles Mögliche würden wir tanzen, aber sicher nicht argentinischen Tango. Der Anfang des Tango, vielleicht, liegt in dieser Schwermut, die nach unten zieht. Bis sich der erste Muskel bewegt, wie von allein, zu einer Musik, die vergessen lässt, worin wir gefangen sind. Die schöne Frau übrigens, von der Bar, wird gerade jetzt, in diesem Moment, von dem Mann, den ich mir ausgeguckt habe, zu ihrem Platz zurückbegleitet. Dann schaut er sich um und kommt auf mich zu. 

 

 

"Spieglein, Spieglein" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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