Tango Kolumne
Spiel mit Berührung

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 70 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Spiel mit Berührun von Lea Martin

Männer, die Frauen lieben, sind etwas Wunderbares. Und leider oft nicht sonderlich treu. Auf Milongas sind sie bezaubernd charmant. Wenn der Charme etwas zu weit geht, haben wir es mit Affairen-Jägern zu tun. Sie verraten sich spätestens, wenn ihre Hände zu wandern beginnen. Wie frau das erlebt, ist unterschiedlich. »Manche 80jährige Frau«, verrät ein Tangolehrer, »freut sich, wenn ein junger Mann sie umarmt.« Wieso nur die 80jährige Frau? Auch in jüngeren Jahren kann verführerisch sein, die nahe Berührung eines Mannes zu spüren — vorausgesetzt, wir finden ihn attraktiv. Da kann frau schon mal die Augen schließen und sich (und ihn) in ein anderes Ambiente träumen. Wer eine Affaire sucht, wird auf Milongas in Berlin sicher fündig. Wenn allerdings der Tanzpartner sagt: »Ich habe Sex mit mehreren Frauen und würde nächste Woche gern ein Zimmer für uns buchen«, können die aufgewühlten Hormone auch ganz rasch wieder in sich zusammenfallen. Auffallend oft kommen die direkten Sex-Angebote übrigens von Männern, die ihren Schwestern und Töchtern verbieten würden allein auszugehen. Weibliche Freiheit gilt diesen Männern als Freibrief für unverschämtes Verhalten.

 

Ganz anders Frauenbewunderer Neil. Er genießt die Schönheit der Frauen in seinem Arm. »Sie ist so verführerisch«, freut er sich über nahezu jede Tanzpartnerin, die er nach einer Tanda höflich zu ihrem Platz zurückbringt. Seine Augen strahlen und einen Moment sieht es so aus, als habe er Feuer gefangen, aber nein, schon ist er aufgebrochen — zur nächsten. Die eine findet er anschmiegsam, die andere sexy, von der dritten meint er gar kleine, süße Geräusche zu hören. Er genießt die Frauen aus sicherer Distanz. Dem Alter der Affairen fühlt er sich entwachsen. Früher konnte er oft nicht widerstehen. Neugier und Begehren, gelegentlich auch Einsamkeit und Langeweile waren einfach zu groß. Was gerade noch Musik war, wanderte ins Schlafzimmer. Doch nicht immer wird die damit verbundene Hoffnung erfüllt. Denn Tango lebt vom Spiel mit Berührung. Neil liebt dieses Spiel und schwebt immer von neuem harmonisch davon, weit davon entfernt, je eine der Schönen ganz für sich zu wollen. Tango ist weit weniger anstrengend als echte Beziehung, echter Sex. Zeit und Energie lassen sich präzise dosieren. Kein »Wann sehen wir uns wieder?«, kein »Was wird nun aus uns?« Die Süße der Frauen vernebelt ihm ein wenig die Sinne, bevor er sich allein in sein Bett legt und von ihnen träumt.

 

 

"Spiel mit Berührung" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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