Tango Kolumne
Stern der Erinnerung

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 72 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Stern der Erinnerung von Lea Martin

Als ich am Boden war, hat mir argentinischer Tango aufgeholfen. Ich habe erste Schritte gesetzt, Drehungen geübt und erlebt, wie der Tango mich und andere Menschen verändert. Meine Kolumnen erzählen von Eindrücken, Begegnungen, Erlebnissen. Und davon, wie ich im Tango der Liebe begegnet bin und sie wieder loslassen musste. Die Umarmung des Tango verleiht momentweise Flügel, bis wir die Welt vergessen mit ihren Trennungen, Abschieden, Scheidungsraten. Mir zeigte das Leben in genau dem Moment, als sich mein Traum zu erfüllen schien, welch scharfe Wendungen es zu bieten vermag. Erneut kam ich so hart unten auf, dass ich nicht weiß, ob ich je wieder einen Tangoschritt setzen werde. Denn mit wem sollte das sein? Wieder liege ich am Boden, mit zerrupftem Flügel, und erinnere mich, wie wir Hand in Hand übten. »Geh aus dem Boden heraus«, sagtest du und ich spürte deine Energie, die durch deine Finger in meine Beine floss, als seien wir ein Körper mit vier Füßen, die nur einen Weg kennen und ein Ziel: zusammen zu tanzen, ein Leben lang.

 

Dieser Traum ist in mir lebendig, ihn will ich behüten und von ihm erzählen. Denn wichtig ist nicht, ob sich all unsere Träume erfüllen, sondern dass wir gewagt haben sie leben zu wollen. Für mich gibt es keinen wichtigeren Traum als den von einer Welt, in der Menschen sich dafür entscheiden, einander in ihrer Verschiedenheit zu ergänzen, und diese Welt beginnt in unseren Herzen. Ich spüre meine Trauer als Energie, die mein Leben beeinflusst, indem es mich mit der Endlichkeit konfrontiert. Und ich erlebe, dass es Menschen gibt, die mir die Hand reichen und helfen, erste Schritte weiterzugehen in ein neues Leben: mit zwei Füßen zu wenig, einen Traum im Gepäck. Tango ist für mich wie ein Stern, der mir Erinnerung an eine Liebe schenkt, die endlos zu sein versprach und sich doch aufgelöst hat. Der Moment, da sich Träume nicht mehr berühren, ist der Moment, da sich jede zuvor noch so innige Verbindung auflöst. Auch die Liebe vergeht, wenn die Offenheit für den anderen verschwindet. Diese Offenheit ist, was ich am Tango liebe. Zwei Menschen, zwei Geschichten, ein Tanz, bei dem sich Seelen berühren. Für dreimal drei Minuten. Nähe ist keine Frage von Zeit. Am Himmel von Milongas strahlt ein Stern, der von einer Liebe erzählt, die nicht erlischt. Und diesem Stern werde ich folgen, solange ich bin.

 

 

"Stern der Erinnerung" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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