Tango Kolumne
Tango, adieu

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 17 DER REIHE VON LEA MARTIN

Es gibt Menschen, die hören wieder auf. Mit dem Rauchen. Alkohol. Und sogar mit dem Tango. Ob sie je ganz abstinent werden, ist schwer zu sagen, aber zumindest rücken sie wieder ab. Der Tango hat sie gelockt, doch nicht überzeugt. Er sei, höre ich, zu ernst, zu streng: „Schau dir die Gesichter der Tanzpaare an, wie verbissen sie sind.“ „Das kommt“, lache ich, „weil sie sich konzentrieren.“ „Macht dir das denn Spaß...?“

Ganz ehrlich...?! Ja, mir macht Tango Spaß. Aber ich kann auch verstehen, wenn er jemanden nervt. Immer dieselben schmelzenden Melodien, immer nur Sehnsucht, nie Explosion. Vielleicht hängt es davon ab, wie man ihn tanzt. Tan- go kann sehr temperamentvoll sein, sehr provozierend. Manchmal überkommt dennoch auch mich heftige Lust nach wilden Disconächten: und dann gebe ich ihr nach. Schließlich bin ich ja nicht verheiratet mit dem Tango - und selbst wenn: So viel kleine Freiheit muss sein.

Meine Kollegin hat sich endgültig vom Tango verabschiedet. Ihr war das enge Tanzen mit fremden Männern zu viel. Sie hat sich innerlich versteift, konnte sich nicht fallen lassen, das Spiel der Körper nicht genießen. Jedenfalls bis zu dem Moment, da sie ihren Abschied eröffnet hat. „An diesem Abend war es anders“, erzählt sie, „zum ersten Mal hat es sich gut angefühlt.“

Manchmal führen zu hohe Erwartungen an die eigene und die Performance des anderen dazu, dass sich ein Gefühl von Überforderung einstellt. Da kann hilfreich sein, sich an die ersten Stunden zu erinnern und die Faszination, die es auslöste, einfach ein paar Schritte zu setzen, mit geschlossenen Augen, verträumt, sich fallen lassend in eine medidativ entspannende Musik. Das geht natürlich nur, wenn man offen ist. Und wie kann man offen sein, wenn die Basis nicht stimmt...?! Der sympathischste Tanzpartner kann der falsche sein, der tollste Lehrer nicht zu einem passen. Meine Kollegin sagt dem Tango Lebewohl und kehrt zum Salsa zurück, von dem sie ursprünglich kam und den sie als lockerer, entspannter, zu ihr passender empfindet. Manchmal hilft, den Tanzpartner oder die Tanzlehrer zu wechseln, um zu erleben, dass der Tango so viele Gesichter hat, wie es Menschen gibt, die ihn tanzen. Doch um das so zu sehen, muss man ihn lieben. Und wer ihn liebt, hört nicht wieder auf.

 

 

"Tango, adieu" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

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