Tango Kolumne
Eng oder offen...?

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 12 DER REIHE VON LEA MARTIN

Enge Umarmung klingt verlockend. Und ist, in Prosa übersetzt, vor allem Brust an Brust. So nah möchte man nicht jeden spüren. Da hilft auch wenig, die Rippen zusammen zu ziehen. Der Stoff des eigenen Shirts kommt dem des anderen beängstigend nah. (Etymologisch hängen „eng“ und „Angst“ sogar zusammen, weshalb manche das Wording „geschlossene Umarmung“ bevorzugen. Nah bleibt es trotzdem.)

„Du bist ganz schön kontrolliert“, stellt der Tanzlehrer fest, „dabei kennt ihr euch doch schon ein Weilchen.“ Bin ich verklemmt...? Zu verkrampft für Tango...? Nach dieser Stunde habe ich erst mal genug. Ich sehe sie vor mir, die an- deren Frauen, wie sie hingebungsvoll die Augen schließen, ihre Brust an die ihres Partners schmiegen (während sie die Rippen zusammen halten, das versteht sich von selbst), während ich mich wie ein störrischer Esel gegen meinen Tanzpartner sperre, bis wir beide frustriert sind. Was ist mein Problem...?

Das Thema verfolgt mich. Ich werde aufgefordert und freue mich auf‘s Tanzen, doch sobald der Mann enge Tanzhaltung einnimmt, spannt mein Körper sich an, ich atme flach und bin froh, wenn die Tanda (drei bis vier Musikstücke auf einer Milonga, auf die eine Pause folgen) vorbei ist. Vielleicht sollte ich lieber Salsa tanzen...? Ich will gerade verzweifeln, da fordert Felix mich auf. Er ist jung, sehr viel jünger als ich jedenfalls, und bevor wir Tanzhaltung einnehmen, fragt er: „Eng oder offen...?!“ „Offen“, erwidere ich spontan und erfreut.

Plötzlich erinnere ich mich, im Unterricht gehört zu haben, dass der Mann (durch eine leichte Verlagerung seines Gewichts auf die Fersen) zur engen Umarmung einladen darf, aber akzeptieren muss, wenn die Folgende nicht folgt. Mir fällt ein, dass es also die Frau ist (in der Theorie jedenfalls), die den Abstand bestimmt, und ich ahne die Lösung meiner Bredouille. Das Tanzen mit Felix ist temperamentvoll, beschwingt. Er hält den Abstand der offenen Umarmung mühelos ein, der Tango fließt durch meinen Körper und je wohler ich mich fühle, desto mehr öffne ich mich dafür, schwungvolle Boleos und Ganchos auszuprobieren. Der Schwung reißt uns mit und irgendwann, ich spüre kaum, wodurch, finde ich mich wieder... Brust an Brust. Die geschlossene Umarmung ergab sich von allein, als Ergebnis einer Annäherung, die sich ereignete, einfach so, und ich genieße eine Nähe, die beim Tanzen entstand, und mich von der Angst vor enger Umarmung für‘s Erste befreit.

 

 

"Eng oder offen...?" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2015
Foto: tangokultur.info

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"