Kolumne
Tango ist subversiv

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 4 DER REIHE "IN LOVE WITH TANGO" VON LEA MARTIN

Kolumne Tango ist subversiv von Lea Martin

Tango ist weit mehr als ein Tanz.


Tango ist eine subversive Kraft, die in den Hafenvierteln von Buenos Aires begann und heute in den Hinterhöfen Berlins ein kleines Stück jenes Himmels realisiert, an den aufgeklärte Menschen spätestens seit dem Ende des Sozialismus nicht mehr glauben. Die hohe Anziehungskraft, die Tango auf KünstlerInnen, Intellektuelle und MigrantInnen ausübt, rührt von seinem utopischen Potenzial her, das momentweise eine Welt aufblitzen lässt, in der Menschen, statt Kriege zu führen, einander umarmen.

 

Tango ist ein Universum voll faszinierender Planeten, die Milongas veranstalten, als DJs umherziehen, als Showtänzer/innen auftreten oder die Tangoszene auf andere Weise bereichern. Der prominenteste Stern im Tango-Sonnensystem ist die Venus, sie ist sein Markenzeichen, das uns von Plakatwänden anspringt, die für Tango-Shows werben, doch daneben gibt es viele andere Sterne, die für den Tango glühen. Wer Tango professionell betreibt, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die Aussicht, mit Tango reich zu werden, ist eher gering. Das bisschen Kommerzialisierung, das er erfährt, kann ihm nichts anhaben, weil die Energie des Milieus, das er täglich von Neuem erschafft, nicht käuflich ist. Der Tango-Himmel ist voller großer und kleiner Sterne, die leuchten, weil sie beseelt sind, und ihr Leuchten ist so verschieden, dass unmöglich ist, den schönsten zu küren.

 

Wer sich in den Tango verliebt, ist meist zunächst fasziniert von der Musik. Die Männer träumen von den schönen Frauen, die sie in den Armen halten werden. Die Frauen träumen von glitzernden Schuhen. Ein paar Jahre später finden wir uns in einer Welt wieder, in der nicht nur Schuhe glitzern, sondern die vor allem Menschen zum Leuchten bringt. Natürlich nicht alle. Manche ziehen sich enttäuscht vom Tango zurück, nicht alle Erwartungen werden erfüllt. Doch kaum jemand kann sich der Magie eines Tango tanzenden Paares entziehen, das sich der Musik hingibt und mit ihr verschmilzt. Selbst wenn wir nur zuschauen oder zuhören, berührt Tango unsere Seele und schenkt ihr genau das, was sie gerade braucht. Dieses Geschenk ist subversiv, insofern es die Grundlagen einer Gesellschaft unterhöhlt, die auf Anpassung an äußere Zwänge basiert. Tango will eine (auch politische) Welt, in der das, was unsere Seele empfindet, keine geheime Verschlusssache ist, sondern einfließen darf und Mitspracherecht hat. 

 

„Tango ist subversiv“ aus "In Love With Tango"

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2020
Foto: Aus dem Archiv von tango-argentino-online.com

 

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