Tango Kolumne
Immer so theatralisch

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 19 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tango-Kolumne immer so theatralisch

Tango, heißt es, sei ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Man kommt sich nah und näher... und geht dann wieder auseinander. Berührung ist nur auf dem Parkett erlaubt. Nach dem Tanz ist alles vorbei. Rien ne va plus. Tango als Spiel. Doch die ausgeklügelten Regeln, von Tangopäpsten erstellt, sind machtlos gegen das Leben. Amors Pfeile werden besonders gern auf dem Tanzparkett gestreut. Statistiken hierzu kenne ich nicht. Wohl aber die Wirkung von Tango.

 

Ein Glöckchen erklingt. Das Parkett wird zur Bühne. Die Tanzenden stellen sich im Kreis. „Vor einem halben Jahr“, sagt eine männliche Stimme, „haben wir uns hier kennengelernt und damit begann die glücklichste Zeit in meinem Leben.“ Es dauert eine Weile, bis ich realisiere: Hier bittet jemand um die Hand seiner künftigen Frau. Zwar hält kein RTL-Kamerateam die Freudentränen der Angebeteten fest, die in ihrem cremefarbenen Trägerkleidchen reine Unschuld verkörpert. Doch als sie selig Ja haucht, um anschließend den wohl glücklichsten Tango ihres Lebens zu tanzen, bedarf es schon einiger Abgebrühtheit, um den Moment zu kommentieren: „Warum sind Tangotänzer nur immer so theatralisch..?!“ Tango ist Leidenschaft. Und wenn sich zwei Menschen beim Tanzen begegnen, warum soll daraus nicht Liebe entstehen...?

„Halt deine Rippen zusammen! Bleib bei dir!“ Will uns die Tangolehrerin nur eine Tanzhaltung erklären? Oder vor zu viel Hingabe bewahren? Leidenschaft für den Tanz, nicht aber für den Fremden?! Rechtschaffene Tagnueros mögen verzeihen, aber es gibt durchaus Spielernaturen, die es darauf anlegen oder zumindest ankommen lassen, den Tango außerhalb der Tanzfläche fortzusetzen. Körperlich und unverbindlich. Da ist sinnvoll, die innere Balance zu bewahren und zu wissen, was frau will und wohin sie gehört, damit aus einem kleinen Tangovergnügen keine Tragödie mit dramatischem Ausgang wird. Doch soll Tango zu tanzen heißen sein Herz auszuschalten?

Allmählich kann ich meine Achse schon besser halten, fange an ein Gegen- über zu werden: oder hoffe es jedenfalls. Wie wird meine Tango-Laufbahn aus- sehen? Werde ich eine Tangotänzerin mit festem Partner oder auf jeder Milonga Runden mit Freunden dreht? Werde ich mich beim Tango verlieben? Und mit 80 noch tanzen? Es gibt so viele verschiedene Ausprägungen der Rolle einer Tanguera wie Frauen, die sie leben. Wenn Tango ein aufregendes Theaterstück ist, hat die Lust mitzuspielen mich voll erwischt.

 

 

"Immer so theatralisch" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

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