Tango Kolumne
Tango und der Tod

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 80 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne Tango und der Tod von Lea Martin

Jeder Tango dauert drei Minuten. Jede Begegnung im Tango ist zeitlich begrenzt. Auf diese Begrenztheit habe ich zunächst reagiert, indem ich mich zurückhielt. Das Vergnügen, dachte ich, ist ja eh gleich wieder vorbei. Der andere ist fremd, man hat keine Zeit, um einander kennenzulernen. Wozu sollte ich mich öffnen? Solange Angst vor Verletzung uns steuert, halten wir unsere Bereitschaft uns aufeinander einzulassen womöglich so sehr zurück, dass wir den Tango nur aus der Ferne erfahren. Wie ein Störsender funkt die Angst zwischen die Signale, die unser Tanzpartner uns mitteilen will. Wir sehen den Tango, den andere tanzen, wir ahmen ihn nach, doch es gibt eine Sperre, die er nicht überwindet. Wir lassen den Tango nicht in uns hinein. Um uns für Tango zu öffnen, müssen wir uns mit einer Dimension des Lebens befassen, die mit Tanz nichts zu tun zu haben scheint und ihm doch so nahe ist, dass wir sie spüren: Die Dimension ist sein Ende. Das Ende des Lebens. Der Tod.

 

Wer Tango in sich aufnehmen will, muss bereit sein, zumindest einen Hauch vom Atem des Todes zu spüren, und wer das nicht will oder zulassen kann, wird Füße, nicht aber seine Seele in Verbindung bringen können. Die Kunst des Tango liegt darin ihn so zu tanzen, dass jede Begegnung, obwohl sie zeitlich begrenzt ist, ewig andauern könnte. Wir geben alles. Und geben es, obwohl wir wissen, dass danach nur die Nacht auf uns wartet. Unsere glitzernden Augen lösen sich auf. Unsere pochenden Herzen. Der Atem in unserem Haar. Dies alles, gerade noch da, wird schlagartig weg sein. Die Melancholie, die viele Tänzer/innen nach einer Milonga zu Hause begrüßt, ist das Echo auf die Erfahrung des Todes, die im Tango schwingt. Seine Wehmut ist nicht vor allem aus unglücklicher Liebe gespeist, sondern unglückliche Lieben sind Grenzerfahrungen, die zum Tango passen, weil der Tango selbst eine Grenzerfahrung verkörpert. Tango ist ein getanztes Sinnbild des Lebens, aus vollem Herzen gelebt – und plötzlich vorbei. Er wolle, sagt ein Tanguero, den jedes Ende eines Tangolieds so kalt erwischt, dass unsere Beine hilflos stolpern, lernen, diese Enden zu tanzen. Kaum hat er es gesagt, gelingt das Tanzen des Endes. Es ist eine Frage der Konzentration. Mal abrupt, mal in nicht enden wollenden Schleifen erzählen die Tangolieder von den unterschiedlichen Ausgängen des Lebens, denen nur eines gemeinsam ist: dass es Ausgänge sind. Wie wir die Enden tanzen, verrät etwas über unsere Haltung zum Leben. Denken wir das Ende mit? Leben wir, als gebe es keins? Oder gelingt uns, beides zu verbinden, im wirklichen Leben und auf dem Parkett?

 

"Tango und der Tod" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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