Tango Kolumne
Tango und die AFD

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 45 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Tango und die AFD

Eine absurde Kombination, sollte man meinen. Tango und die AfD. Was kann argentinischer Tango mit einer Partei zu tun haben, die alles abwertet, was nicht in ihre Denkschablonen passt? In der Tangoszene ist egal, woher jemand kommt. Hier interessiert nur, wie jemand tanzt. Das Milieu ist offen und frei von Rassismus oder Sexismus, jedenfalls soweit ich das beurteilen kann. Und dann rede ich mit einem Tanguero über Fußball, als er plötzlich sagt: "Im Grunde spielen wir nicht gegen Frankreich, sondern gegen Ghana." Wie bitte? Wir? Gegen Ghana? Ich hoffe mich verhört zu haben. Aber nein, er legt nach: Vor hundert Jahren hätten Menschen mit dunkler Hautfarbe ("Neger darf man ja nicht mehr sagen") schließlich noch nicht in Europa gelebt, also seien sie weniger Franzosen als die echten Franzosen. Echte Franzosen? „Verstehe ich richtig“, frage ich zurück, „dass du denkst, meine Tochter ist unecht deutsch, weil ihr Vater nicht in Deutschland geboren wurde?" Überrascht sieht er mich an und versucht zurückzurudern: Er habe nur einen Witz machen wollen, sein Mundwerk sei immer schneller als er, ich glaube ja wohl nicht wirklich, dass er Rassist sei? Skeptisch sehe ich ihn an. Im Unterschied zu mir stammt er aus der DDR, wo die NS-Vergangenheit zusammen mit Rechtsextremismus und rassistischer Gewalt als erledigt galt. Fast 30 Jahre nach dem Mauerfall sind die verschiedenen Kulturen von Ost und West noch immer zu spüren. Mir wird bewusst, welch fragile Gemeinsamkeit das Tangotanzen darstellt. Sich abzuwenden, den anderen stehenzulassen, kann eine persönliche Lösung sein.

 

Europa insgesamt hilft das nicht weiter. Parteien wie die AfD abzulehnen ist das eine. Das andere sind die Menchen, die sich von Politikern und Politikerinnen im Stich gelassen fühlen. Von dem Tanguero werde ich derweil beruhigt: Die AfD? Nein, das sei für ihn keine Option. Ich bin unsicher, ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist. Die Gleichung „AfD = Rassismus“ ist so schön einfach wie die Gleichung „Tango ist frei von Rassismus“. Die Sehnsucht, die auf die Tanzfläche führt, kennt keine nationalen Grenzen, sie fragt aber auch nach keinem Parteibuch. Tatsächlich schaut man beim Tangotanzen niemandem ins Herz. Auch wenn man es pochen spürt, körperlich nah an der eigenen Brust. 

 

 

"Tango und die AFD" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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