Tango Kolumne
Tango und kein Ende

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 73 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne Tango und kein Ende

Tango-Marathon war mir immer suspekt. Wozu herumreisen, um tagelang in Tanz-Trance zu fallen? Jetzt will ich wenigstens mal hineinschnuppern in die Marathon-Welt. Als ich ankomme, ist von Trance noch nicht viel zu spüren.

 

Bereits in der Garderobe lächelt mich ein Tanguero mit flotten Hosenträgern auffordernd an. Seine Hosentaschen sind prall mit allem Möglichen gefüllt, darunter ein Fächer, den er bald braucht. Voller Elan tanzt er pausenlos durch. Einige Tangueras sehen gestresst aus. Ihre Namen bringt er schon mal durcheinander, aber das kann man ihm nicht verübeln. Er nimmt den Marathon ernst und gibt, was er kann. An der Bar hole ich mir etwas zu trinken. In der Wasserkaraffe schwimmen Gurkenstückchen. »Gurke in Wasser?«, frage ich laut. Mein Sitznachbar lächelt verständnislos. Ich versuche es auf Englisch. Der Kopenhagener lacht: Er habe gedacht, Gurkenwasser sei typisch für Berlin.

 

Plötzlich entdecke ich (erinnern Sie sich?) den Helden aus der Kolumne Tango horizontal. Ich fliehe ans andere Ende des Raums und verkrieche mich in einen Sessel. Nach einer Weile kommt er lächelnd auf mich zu, scheint mich nicht zu erkennen. Als wir zwei Tandas getanzt und ich ihm auf die Sprünge geholfen habe, erklärt er, ich hätte mich sehr verändert, meine Haare, die Frisur. Dann erzählt er, wie es ihm ging, damals, als er für mich gekocht hat. Mein Bild vom Tango-Casanova bekommt einen Riss. Habe ich ihn falsch gesehen? Plötzlich ist ein große Freude in mir. Ich will tanzen. »Ja«, sagt er, »das solltest du tun, unbedingt. Es ist dein erster Marathon, koste ihn aus.«

 

Die Marathon-Milonga hat sich inzwischen gut gefüllt und ich erlebe, was die aus Dänemark, Frankreich und Italien angereisten Tänzer zu bieten haben. Kopenhagen tanzt ein bisschen wie ein dänisches Ferienhaus, adrett und familiengerecht. Frankreich verführt zu einem inspirierten Flug über das Parkett, bei dem die Seelen einander verzaubern. Und Italien... Italien tanzt romantische Leidenschaft, die mich mitreißt, wir fliegen zusammen zu der Musik, die unsere Körper verwandelt, als wären wir schwerelos. Dies ist mein Tango, der mich erinnert... Der Marathon-Tag hat einen fulminanten Abschluss erhalten, mit einer Prise Melancholie. Bevor ich gehe, fast schon in der Garderobe, lachen die flotten Hosenträger mich an. Eine allerletzte Tanda?

»Weißt du denn inzwischen«, lache ich, »wie ich heiße?« »Aber ja«, lachen die Hosenträger und wirbeln mich ein letztes Mal kraftvoll umher, bis mich die Nacht in die U-Bahn spült. Tango und kein Ende, das ist der Traum, von dem Tango-Marathon lebt.

 

 

"Tango und kein Ende" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2019
Foto: tango-argentino-online.com

 

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