Tango Kolumne
Tangoillusion

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 3 DER REIHE "IN LOVE WITH TANGO" VON LEA MARTIN

Kolumne Tangoillusion von Lea Martin

»Du musst mit ihm tanzen, er tanzt wunderbar«, flüstert mir eine Freundin ins Ohr, bevor sie mir ihren Gast aus Buenos Aires vorstellt.

»Only if you want«, bedeute ich ihm höflich. Er lächelt ein uneindeutiges Lächeln, das mich verunsichert. Der Körper des argentinischen Tänzers ist ruhig wie das Meer am frühen Morgen, und als er ihn zur Seite zieht, fühlt es sich an wie ein Windhauch, der leise Wellen erzeugt. Die Brise, die meinen Körper erfasst, trägt mich wie ein Segelboot über das Parkett, und doch hindert mich irgendetwas, die Schwerelosigkeit der Bewegung, die der Profi mir schenkt, zu genießen. Nach der Tanda sinke ich mit einem Gefühl auf einen Stuhl, als hätte ich ihn dafür bezahlt, dass er mit mir tanzt. Hat er auch nur einen Funken Freude empfunden? Oder den Tanz aus Pflichtgefühl absolviert, weil meine Freundin seine Gastgeberin ist?

»Du musst unbedingt mit ihm tanzen, er tanzt wunderbar«, flüstere ich selbst kurz darauf einer Bekannten ins Ohr, die mit suchendem Blick in der Tür steht, und zeige auf den Gast aus Buenos Aires, der nun schon mehrere Tandas mit einer jungen Frau verbracht hat, die sich nicht fragen muss, ob er Spaß mit ihr hat. Er flirtet, strahlt, leuchtet und hat ganz offensichtlich einen Tango-Moment, der ihm gefällt. Das, was ich mit ihm erlebt habe, war hingegen die Illusion eines solchen Moments. Ich habe das geahnt, als ich zögernd »Only if you want« sagte. Klüger wäre gewesen, dieselbe Frage mir selbst zu stellen. Der Tanz, in den er mich geführt hat, war routiniert und gelangweilt, ein Abglanz der Tango-Momente, die ich genieße, Momente, die nicht automatisch entstehen, weil jemand »gut« tanzt. Entscheidend für einen gelungenen Tango ist, was in einem konkreten Moment zwischen zwei Menschen passiert, wozu dieser Moment sie provoziert, was sie einander zeigen, damit es sich in einer Bewegung verbindet — oder auch nicht.

Die abstrakte Leidenschaft für Tango, die uns mit einem anderen Tangotänzer verbindet, reicht nicht aus, solange er seine Leidenschaft nicht mit uns teilt, persönlich, konkret. Es ist eine Illusion zu glauben, alle Menschen, die Tango lieben, müssten es auch lieben, miteinander zu tanzen. Jeder noch so »gute« Tänzer ist ein Mensch mit Gefühlen, mit Lust und Unlust, mit abzulenkender Aufmerksamkeit. Der Tango mit dem Profi hat mich traurig gemacht und einen schalen Nachgeschmack zurück gelassen. Denn egal wie wunderbar jemand mit anderen tanzt, wenn er keine Lust darauf hat, sich auf dich einzulassen, hier, jetzt, konkret, ist es eine Illusion zu glauben, Tango könne diese Unlust in eine glückliche Verbindung verwandeln.

 

 

„Tangoillusion“ aus "In Love With Tango"

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2020
Foto: Aus dem Archiv von tango-argentino-online.com

 

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