Tango Kolumne
Runterkommen

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 33 DER REIHE VON LEA MARTIN

Wenn das Leben Tango mit Dir tanzt

Höhenflüge...?! Träume…?!


Tango Argentino, das ist zunächst einmal Bodenkontakt. Mit dem Fuß. Der Fußsohle. Ungezählte Wege zum Beginn eines Schritts. Mit der Spitze..?! Dem Zentrum, der Seite des Ballens..?! Alles verkehrt, lerne ich heute. Die Ferse ist gefragt. Tasten, abrollen. Ausatmen. Runterkommen. „Super Fußarbeit, du machst das sehr schön.“ Das Aber schwingt hörbar in der Luft. „Man kann das auch beim Seitwärtsschritt machen.“ Tanzlehrer Rudy, zu Besuch in Berlin, schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Er verströmt Liebe zur Bewegung, zum Kontakt mit dem Gegenüber. (Nur „these fucking vier Fälle“ der deutschen Sprache setzen ihm zu.) Mein Tanzpartner und ich probieren es aus. Wir sind beide ehrgeizig, wollen hoch hinaus, jedenfalls im wirklichen Leben. Nun suchen wir den Boden. „Explore with your toes.“ Tango-Feldforscher, so gehen wir ans Werk, finden heraus, was unsere Füße vermögen. Und siehe da. Alles fühlt sich plötzlich ganz weich an. Als die Musik endet, sind wir überrascht. Kein Lehrer hat uns unterbrochen. Wir kamen nicht aus dem Tritt. „Heute geht es um Struktur, nicht um Schritte. Im Tango sind Schritte sowieso egal. Tango wird aus dem Boden getanzt.“ Aus dem Boden, der inneren Mitte. „Konzentriert euch auf euch selbst.“ Das genau ist mein Problem: Mein Fokus liegt auf dem Partner. Das lässt mich angespannt sein. Wenn der Tanzlehrer ruft, es sei zu wenig Spannung in vielen Körpern, meint er nicht mich. In mir ist zu viel Spannung, zu viel Aufregung, zu viel Zielstrebigkeit. „Es geht nicht um das Ziel eines Schritts, sondern darum ihn zu genießen. Ihr wisst nicht, wohin der Führende will. Seid bereit, aber geht nicht voran.“

 

Bereit sein klingt einfach. Doch es ist eine Kunst, die Füße in der Schwebe zu halten. „Ihr findet es anstrengend..?!“ Rudy lacht. „Dann ist es Tango.“ Ich atme tief ein, senke meinen Körper, lasse los. Den Ehrgeiz zu erraten, was der andere will. Den Anspruch schneller zu sein. Eine angenehme Ruhe breitet sich aus. Ich genieße meine eigene fließende Bewegug. Spüre den anderen. Verliere mich nicht. Sondern bleibe in mir. Der Weg ist das Ziel. Ob mein Tanzpartner ein, drei oder fünf Schritte macht, ist ihm überlassen. Mir gehört der Genuss, wie die Schritte gelingen, mühelos, schwebend, und ich bin nicht irritiert, wenn eine Figur überraschend aufgelöst wird. Weil ich aufgebe, auf etwas gefasst sein zu müssen. Ich muss nicht gefasst sein. Sondern ich tanze.

 

 

"Runterkommen" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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Anm. d. Redaktion:

Die Tangoszene trauert um Rudy Vega, der im Text eine Rolle spielt. Auch die Autorin Lea Martin hat bei ihm Tangostunden besucht und einen Nachruf verfasst: >> hier lesen