Tango Kolumne
Traumberuf Tango

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 60 DER REIHE VON LEA MARTIN

Kolumne Traumberuf Tango

Für die einen ist Tango ein Hobby, für die anderen Profession. Über 200 Tangolehrer/innen soll es in und um Berlin geben. Nicht alle können vom Tango leben, aber alle leben mit ihm ihren Traum. Einen von ihnen begleite ich im Anfängerkurs. Sechs Paare haben sich angemeldet, eine Frau kommt allein. Wir stehen einander gegenüber, legen unsere Handflächen aneinander. Ich gebe die Richtung vor, die Folgende soll Widerstand leisten. Hochkonzentriert schaut sie mich an. Entschuldigt sich dann für ihre schmutzigen Finger. „Pferdeteer“, erklärt sie, „das geht nicht so leicht ab.“ Auf ihrem Kragen sitzt eine kleine Fliege. "Das ist der Stall", fügt sie verlegen hinzu. "Reiten und Tango sollen eine Menge gemein haben", sage ich. "Ach ja?" „Der Dialog zwischen Reiter/in und Pferd ähnelt dem von Führen und Folgen.“ Sie lacht: „Du willst sagen, obwohl ich dauernd aus dem Takt komme, bringe ich gute Voraussetzungen mit?“ „Ich habe dich abgelenkt“, entschuldige ich mich..“ „Sorry“, sagt sie, „ich war schon wieder zu schnell.“ Schrittweise bewegen wir uns durch den Raum, das Parkett knarrt sehnsüchtig zu der Tango-Musik und ich spüre die Energie, die in meiner Folgenden liegt. Obwohl wir uns nur mit den Händen berühren, erzählen sie mir eine Geschichte, die mir vertraut ist. Es wundert mich nicht, als sie plötzlich sagt: „Ich lebe in Scheidung.“ Und leise hinzufügt: „Und jetzt hat mich der Tango gepackt.“ Die Fliege von ihrem Kragen ist verschwunden.

 

Der Tangolehrer nimmt mich bei der Hand und führt vor, wie Druck und Gegendruck zu einer gleichmäßigen Paar-Bewegung führen. „Wir wollen nicht rumtanzen“, sagt er, „sondern den wunderbaren Schritt des Tango von Grund auf lernen.“ Er strahlt Autorität aus und unterrichtet mit Leidenschaft. Im Tango verwirklicht er seinen Traum. Und ich? Ich genieße, ihn im Unterricht zu begleiten, und stelle mir vor, meinen Job an den Nagel zu hängen, um mein Leben ebenfalls dem Tango zu widmen. Zwar bin ich dafür nicht jung genug – und wer weiß, ob hinreichend begabt. Dennoch hat mich der Tango gepackt, nicht nur auf dem Parkett, sondern bis ins richtige Leben, in das meine Folgende zurückkehrt, ohne je wiederzukommen. Hat der Tango sie wieder losgelassen? Lernt sie woanders? Hat sie sich mit ihrem Mann versöhnt? Egal wie ihre Geschichte weitergeht, der Moment, da sie im Stall von Tango zu träumen begann, wird etwas in ihr verändert haben, so wie alle verändert werden, die sich auf Tango einlassen. Das kann für eine kurze oder längere Phase sein oder für das ganze Leben, auf jeden Fall lebt, wer Tango tanzt, einen Traum.

 

 

"Traumberuf Tango" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tangokultur.info

 

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