Tango Kolumne
Unter allen Tangueros

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 61 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne Unter allen Tangueros von Lea Martin, Berlin

Und dann fahre ich nach Kreuzberg. Zu dem Ort, wo ein verspieltes Tango- Schild in den Hinterhof weist, in dem Susanne Opitz und Rafael Busch Tangoträume wahr werden lassen. Ich laufe an dem Café vorbei, in dem wir neulich vor der Milonga etwas tranken und in einen Baum schauten, dessen Krone zerrupft in den dunkelblauen Himmel ragt. Jetzt sitzen zwei junge Männer auf unseren Plätzen und empören sich über die Gebührenerhöhung ihrer Banken: „Und das, obwohl ich seit zehn Jahren keine einzige Gehaltserhöhung bekommen habe, das ist einfach nicht fair.“

Fairness, denke ich, was ist das? Ist fair, dass ich nur mit einem einzigen Mann tanzen will? Meine Füße werden schwer. Wozu soll ich ohne dich Tango üben? Mit einem Tanzpartner, der – so sympathisch er sein mag – für mich nur eine Notlösung ist. Will ich beweisen, wie unabhängig ich bin? Und wovon eigentlich? Ich frage meinen Tanzpartner, der schon auf mich wartet, ob wir kurz rausgehen können – um zu reden. Dann erkläre ich ihm bei einem Tee, dass mir das Üben mit ihm Spaß gemacht hat, ich den Kurs aber nicht fortsetzen möchte. „Das Leben ist kurz“, erkläre ich, „deshalb will ich riskieren, meinen Gefühlen zu folgen, auch wenn sie allem widersprechen, was so zu hören ist: dass man mit möglichst vielen tanzen soll. Ich will das nicht mehr.“ „Wie wunderbar“, freut sich mein Tanzpartner, „dass du auf dein Herz hörst, dazu gehört einiger Mut.“ Ist das so? Alle Magie des Tangos verfliegt, sobald der Mensch, den wir lieben, die Bühne betritt.

Unter allen Tangueros sticht er heraus: weil uns etwas mit ihm verbindet, das mehr ist als Tango. Es ist sogar unerheblich, ob er überhaupt Tango tanzt oder wie er es tut. Liebende sind einander nicht zwangsläufig die besten Tanzpartner/innen. Viele lieben hier, üben dort. Wenn wir aber die Chance haben, mit einem Menschen Tango zu tanzen, den wir lieben, kommt dies einer Offenbarung gleich. Die wesentliche Musik spielt in unserem Herzen. Mit ihm hören wir, was der Tango uns sagen will. Mir scheint er zu sagen: Ich spüre deine Liebe. Und ich spüre deine Angst. Du hast Angst den Mann, den du liebst, zu verlieren. Angst und Liebe ringen miteinander. Als ich zum Auto zurückgehe, spüre ich seine Hand an meinen Rücken, schaue in den Himmel über Kreuzberg und höre den Tango der Liebe. Egal an welchem Ort, egal zu welcher Musik, der Jubel des Tango kommt aus keinem Lautsprecher, sondern aus unseren Herzen. Der Tango ist das Instrument, das uns erlaubt, unsere Gefühle zu tanzen, und hier, vielleicht, liegt der Schlüssel, um meine Angst zu besiegen. Denn wir verlieren nicht, was uns erfüllt.

 

 

"Unter allen Tangueros" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2018
Foto: tangokultur.info

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"