Tango Kolumne
Verliebt in einen Tanguero

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 38 DER REIHE VON LEA MARTIN

Tangokolumne: Rollentausch

Und dann passiert es. Du verliebst dich. In einen Tanguero. Coolness, adieu. Das Herz pocht, Adrenalin breitet sich aus. Sein statt wollen...?! Aber gerne: mit ihm. Sich zu verlieben ist keine Schande. Und es gibt Regeln, wo man es besser lässt. Im Job. In der Familie. Im Freundeskreis. Beim Tango.

 

Wo, bitte, verliebt man sich also? An der Einkaufstheke? Im Internet? Jedes dritte Paar lernt sich im beruflichen Umfeld kennen. Die Regeln sind sinnlos. Die Liebe lacht sich kaputt. Die Liebe..?! Großes Wort. Doch worum sonst handelt es sich, wenn alles ganz leicht scheint, das Lachen aus dir perlt und du die Welt umarmen möchtest, die voller wunderbarer Menschen ist... und ihm. Ihr tanzt, ihr redet, ihr lacht, ihr kommt euch so nah, dass selbstverständlich erscheint, sich auch privat zu treffen. Zu mir oder zu dir...?! Wer Tango tanzt, ist offen, schenkt Vertrauen. Angst hat im Tango so viel verloren wie Nervosität bei einer OP. Die Musik schwingt weiter, Bedenken lösen sich auf.

 

Und dann der Katzenjammer. Der Tanguero ist fort. Mit allen Versprechen, die in der Luft lagen. In einer ihrer Tangogeschichten erzählt die Autorin Katrin Dorn von dem verzweifelten Versuch ihrer Heldin, den Schmerz über das rasche Verfallsdatum ihrer Liebschaften durch eine Andenken-Sammlung zu kompensieren: „Ihre schönsten Trophäen sind eine verschließbare Malachit Aschdose, eine Tigerkralle zum Aufrauen der Schuhsohlen, ein haftklebender Schnauzbart aus Bärenfellhaar und ein bordeauxroter Viskoseslip von Bruno Banani.“ Das Klischee von der weiblichen Sehnsucht nach Liebe, die vom männlichen Begehren ausgenutzt wird, wird nicht nur von der Literatur, sondern auch im wirklichen Leben so sattsam bedient, dass die 50er-Jahre- Regel, sich als Frau rar machen zu sollen, fast schon reizvoll erscheint. Ist es ein Fehler, den eigenen Gefühlen zu folgen und sich für eine Begegnung zu öffnen? Oder ist Enttäuschung einfach ein möglicher Preis?

 

Die Leichtigkeit, mit der wir uns öffnen, mündet nur dann in verhängnisvolle Affairen, wenn wir uns nicht ähnlich leicht wieder zu distanzieren verstehen. Zu manchem Verlieben gehört das Entlieben dazu. Tango, der dabei hilft, darf noch erfunden werden. Vorerst reichen alte Schlager. Liebeskummer lohnt sich nicht oder So schön kann doch kein Mann sein. Sie helfen bei etwas Wunderbarem: sich selbst zu verzeihen. Mit einem Tanguero verbindet uns mehr als mit einem Nachbarn, der die gleiche Sorte Wurst kauft. Und wenn wir uns verlieben, zeigt das nur eins: dass wir lebendig sind und uns trauen zu fühlen.

 

 

"Verliebt in einen Tanguero" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2017
Foto: tangokultur.info

 

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