Kolumne
Wäre es nur Tango

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: TEIL 12 DER REIHE "IN LOVE WITH TANGO" VON LEA MARTIN

 

Wäre es nur Tango. Was fehlt, ist viel mehr. Einfach mal ausgehen, ins Kino, Theater, in ein Restaurant, ohne die Menschen zu zählen, die man trifft oder gar umarmt. Unbekümmert zu sein, hat Pause. Vor Corona, seit Corona. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Tango fehlt. Vor allem aber fehlen die Menschen, die wir lieben und nicht sehen können. Mir fehlt meine Tochter, die in einem anderen Land lebt. Das Ein- und Ausreisen ist nur unter strengen Auflagen möglich. Seit Weihnachten näher rückt, werde auch ich dünnhäutiger. Früher, wenn mich die Sehnsucht gepackt hat, habe ich eine Reise gebucht. Oder bin Tango tanzen gegangen. Tango hilft gegen so vieles. Rückenschmerzen, Langeweile, Sehnsucht. Man muss im Tango nicht so tun, als ob. Wenn du traurig bist, bist du traurig. Die Tango-Musik auf Milongas fängt dich auf. Das fehlt. Ein Ort, wo man unter anderen ist und gleichzeitig bei sich sein kann, so wie man ist. Verletzlich, lebenslustig. Melancholisch, heimatlos.

 

Tango ist so viel mehr als ein Tanz. Die Orte, an denen er zuhause ist, sind auch mein Zuhause geworden. Alle Jahre wieder wurde im »Tangoloft« Weihnachten gefeiert. Silvester sowieso. Ich vermisse den Tango, ich vermisse meine Tochter. Und spüre schmerzlich, wie schwer es ist, die Lücke auszuhalten, ohne wütend zu werden: auf irgendwen. Wenn irgendwer schuld ist, fühlen wir uns besser. Weil Wut leichter zu ertragen ist als Schmerz. Wut setzt Energie frei. Trauer lähmt. Deshalb verstecken wir sie gern hinter Aktionismus. Wir lenken uns ab, um uns nicht hilflos zu fühlen. Dabei ist Sehnsucht die kleine Schwester der Liebe. Oder, wie ich es in einem Gedicht formuliert habe, »der Liebe schönstes Kind, das uns umschlingt«. Meine Traurigkeit ist ein Zeichen meiner Liebe. Ohnehin ist meine Tochter nicht aus der Welt. Wir haben die Wahl, uns zu besuchen, unter der Voraussetzung, wegen des Besuchs in Quarantäne zu gehen. Es ist unsere Entscheidung, das nicht zu tun, sondern abzuwarten, bis sich die Situation wieder entspannt haben wird. Die Sehnsucht lässt mich Fotoalben aufschlagen. Ich erinnere mich an viele gemeinsame Weihnachtsfeste, die wir erlebt haben und die sich endlos fortzusetzen schienen. Doch nichts setzt sich endlos fort. Nicht einmal eine Milonga. Ein Leser schreibt mir, das unfreiwillige »Tango-Fasten« setze ihm zu, da Fasten normalerweise freiwillig sei. Ist das so? Oder nur in einer Kultur, die auf persönlicher Freiheit basiert? Wir sind nicht bereit, Grenzen gesetzt zu bekommen. Von der Natur. Von einer Religion. Und nun auch noch vom Staat, im Auftrag eines Volkes, zu dem wir gehören. Wir wollen in unserem Privatleben tun, was wir wollen. Ohne dass uns jemand reinredet. Reisen. Autofahren. Essen gehen. Shoppen. Kino. Theater. Tango tanzen. Jedes Jahr ein neues Smartphone. Das verstehen wir unter Freiheit. Deshalb hat auch mich der Tango-Entzug kalt erwischt.

 

Inzwischen ist es fast schon normal, ohne Tango zu leben. Statt hochhackiger Tangoschuhe ziehe ich Turnschuhe an. Laufe unter freiem Himmel, suche die Natur. Bin dankbar für sauberes Wasser, Essen, ein Zuhause und — ganz wichtig — nicht krank zu sein. Krankheit verändert alles. Die Corona-Pandemie wird von manchen für eine Erfindung gehalten. Ich bin froh, eine Regierung zu haben, die den Virus ernst nimmt, auch wenn das Einschränkungen bedeutet, die das private Miteinander verändern. Am härtesten betroffen sind kranke und alte Menschen, gefolgt von Pflegepersonal. Dann kommen freischaffende Künstler/innen, Kultureinrichtungen, Restaurants und Hotelbetriebe. Meine Mutter ist als mehrfache Risikopatientin froh über die Maßnahmen der Regierung, obwohl sie grundsätzlich wenig Gutes an Politikern lässt (das Geschlecht ist ihr hierbei herzlich egal). Auch meine Tochter ist froh, dass ihre Oma gesund ist — obwohl die Corona-Krise sie ihren Job gekostet hat. Niemand weiß wirklich, was richtig ist. Doch eines ist sicher: Wäre ich Mitglied einer Regierung, ich wüsste es auch nicht. Sicherlich werde ich mir an Weihnachten wünschen, bei meiner Tochter zu sein. Mir hilft zu wissen, dass wir einander in Liebe verbunden sind, vor Corona und jetzt. Vielleicht lege ich am Heiligen Abend einen Tango auf und träume davon, jemand würde mir einen Cabeceo schenken, den ich nur einfach annehmen müsste, um meine Gefühle zu tanzen, unbekümmert und frei. In den Armen meiner Tango-Sehnsucht stelle ich mir vor, dass alle Menschen sich auf das besinnen, was uns verbindet. Die Ausprägungen der Liebe sind verschieden, ihr Motiv ist immer dasselbe. Ob sie sich durchsetzt, entscheiden wir. 

 

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