Tango Kolumne
Wenn das Leben Tango mit dir tanzt

 

EINBLICKE IN DIE TANGOSZENE: Teil 26 DER REIHE VON LEA MARTIN

Wenn das Leben Tango mit Dir tanzt

Im Kreuzberger Mambita, wo donnerstags statt Salsa Tango gespielt wird, empfängt mich ein gut gelaunter Barkeeper und ein Musikmix, der mir gefällt. Ich bestelle eine Selters, öffne mich der Musik und vergesse mein Leben: Ärger im Job, pubertierende Kids, von Beziehungsstress ganz zu schweigen. Manche Paare auf der Tanzfläche kenne ich vom Sehen. Es macht mir Spaß ihnen zuzuschauen. Sie sehen glücklich aus und ihr Glück färbt auf mich ab.

„Tanzen?!“ Das freundliche Lächeln gilt tatsächlich mir. Die Idee, den Abend aus der Zuschauerposition zu genießen, kann ich verabschieden. Wir fangen zögernd an, ich kämpfe mit meiner Achse. Unsere Umarmung ist schwammig, wir sind in einem eher wackeligen Kontakt, seine Füße stolpern über meine, die Führung fühlt sich an wie ein Geschleudertwerden. Ich habe - natürlich - Tipps auf der Zunge, denn als Folgende - so die Tango-Regeln - bin ich per se unschuldig, wenn etwas nicht klappt. Doch wie komme ich dazu, jemanden zu kritisieren, der gibt, was er kann..?! Ich werde ja wohl noch hinkriegen ihn zu verstehen..! Tatsächlich tanzen wir uns allmählich ein, ich gewöhne mich an die Freiheit, die er mir lässt, mein Bein fliegt schwungvoll... und ratsch...! Der Absatz meiner Tangoschuhe zerreißt meine eigenen Strümpfe. Na toll. Ein walnussgroßes Stück nackter Haut in schwarzen Nylons. Und keine Ersatzstrümpfe. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ratlos halte ich an, weiß nicht weiter.

„Trinken wir auf den den Schreck“, lacht mein Tanzpartner, „ein Glas Wein?“ Ich überlege nur kurz und entscheide mich dann a) für das Glas Wein und b) trotz suboptimal lackierter Fußnägel für nackte Beine. Perfekt ist langweilig und es macht Spaß, mit jemandem zu reden, der das gerade genauso sieht, obwohl er im wirklichen Leben Kreditanträge prüft und sicher kein Auge zudrückt. Das Tanzen wird zunehmend entspannter. Als wir uns um 23 Uhr verabschieden, weil er morgen früh raus muss, sind wir fast schon vertraut. Kaum sitze ich wie- der an der Bar, steht Mister X vor mir wie die personifizierte Antwort auf die Frage, was du tun sollst, wenn das Leben Tango mit dir tanzt. Er kommt aus dem Nichts und seine Umarmung lädt zum Augenschließen ein, meine Beine fliegen, als wollten sie in den Himmel. Routiniert fordert er zu jener Hingabe an einen Fremden heraus, die Arnold Voß in seinem wunderbaren Foto-Text-Band Aus dem Bauch des Tangos beschreibt, und ich staune, welche Figuren ich plötzlich kann. Wenn das Leben Tango mit dir tanzt, scheint der Moment mir zu sagen, tanz einfach zurück. Schließ die Augen und genieß, was geschieht... auch wenn du es dir anders vorgestellt hast.

 

 

"Wenn das Leben Tango mit dir tanzt" aus „Tango Dreams“

 

Alle Rechte (Text) bei Lea Martin, Berlin 2016
Foto: tangokultur.info

 

>>zurück zur Rubrik "Tango-Kolumne"