Tango Erzählungen
von Lea Martin

 

ERSCHEINUNGSTERMIN: JULI 2020
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Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber?

Softcover, ca. 254 Seiten
ISBN: 978-3-935401-09-8

14 €
 

>> Leseprobe 1

Der Doktorand

>> Leseprobe 2

Frauen wollen immer reden

>> Leseprobe 3

So leicht, so schwer
 

>> Leseprobe 4

Nüchterne Nächte

>> Leseprobe 5

Das Versprechen

>> Leseprobe 6

Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber? 


Freut Euch auch auf folgende Erzählungen, die hier als Leseprobe im wöchentlichen Rhythmus erscheinen:

Der Erdbeermann
Innige Verbindung
Der Tangomeister
Tango zu dritt
Eindeutiges Angebot



 

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Der Doktorant
Zunächst ist alles wie immer. Der Raum ist dunkel, auf der Tanzfläche scheinen alle besser tanzen zu können als sie. Doch dann, mit einem flüchtigen Nicken des Kopfes, fordert jemand sie auf, dessen Umarmung sich anfühlt wie für sie gemacht. Ein Oberarm liegt warm unter ihren Fingern. Vor ihren Augen streckt sich ein verlockender Hals. Noch weiß Julia nicht, dass viele Männer sich im Tango so anfühlen. Noch gehört sie zu den An- fängerinnen, die glauben, dies sei ein Zeichen für etwas, das über den Tango hinausgeht. Sie atmet tief ein und genießt den Moment. 
»Eng oder offen?« fragt der Fremde mit einem Lächeln, das Grübchen in seine Wangen zaubert. Glücklich lächelt Julia zurück. Bevor sie den ersten Schritt setzen, spielt sich etwas ab, das alles vorwegnimmt, was dieser Tango für sie bereithält. Hier, jetzt, in diesem Moment, gibt es nur ihren Körper, den Fremden und eine Melodie, der sie sich hingeben wird. Julia schließt die Augen und spürt, wie sich seine Energie auf ihren Körper überträgt. Sie nimmt seine Impulse auf wie ein Instrument die Berührung des Musikers. Nach sanftem Auftakt prescht er stürmisch voran. 
»Wow. Das fühlt sich phänomenal an.« 
»Ja«, bestätigt der Fremde zufrieden »So muss das sein.«
Ihre Körper fügen sich ineinander, als seien sie füreinander gemacht, und Julia lässt sich fallen in eine Bewegung, die sich wie Fliegen anfühlt. Mühelos geraten sie in ein Gleiten, das die Menschen süchtig nach Tango macht. Die sehnsuchtsvolle Musik durchzieht den dunklen Raum wie ein Versprechen, das von ihren Körpern eingelöst werden will. Ist das wirklich noch sie? Was sind das für Figuren, die sie spielerisch tanzt? Woher rührt die Energie, die sie mit dem Fremden verbindet? Gerade noch stand Tango vor ihr wie eine unüberwindbare Mauer. Und jetzt diese Schwerelosigkeit. Der Fremde lockt etwas aus ihr hervor, der sie selbst überrascht. 

Doch kaum hat die Tanda begonnen, ist sie schon wieder vorbei. Ein freundliches Nicken, die Grübchen blitzen kurz noch einmal auf, dann taucht der Fremde unter, wird verschluckt vom Menschengewirr, und Julia findet sich verwirrt am Rand der Tanzfläche wieder. (...) 
 

 

Frauen wollen immer reden 

Suchend tasten seine Füße über den Boden. Sein Körper mit den vornübergebeugten Schultern gleicht der Sichel des Mondes, die vom Alexanderplatz über die ehemalige Stalin-Allee bis in die Fenster der Panoramico-Bar leuchtet. Revolution war gestern, heute wird getanzt. Nele kneift ihre Augen zusammen, um die Silhouette des tanzenden Mondmannes besser zu sehen. Er hat flinke Füße und hält die Frauen auf Abstand. 

Als eine Cortina gespielt wird, setzt er sich ans Fenster. Unauffällig schlendert Nela in seine Richtung. Ihr sind die Tango-Regeln egal, nach denen Frauen nicht aktiv auffordern dürfen. Wenn sie mit jemandem tanzen will, zeigt sie es. Sie geht neben ihm in die Hocke und ruft in sein Ohr: 

»Ich habe dich beobachtet. Mir gefällt, wie du tanzt. Ich möchte unbedingt spüren, wie es sich anfühlt, mit dir zu tanzen.« 

Wortlos steht der Tänzer auf und gibt ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen, ihm zu folgen. Auf der Tanzfläche hebt er seinen linken Arm. 

Nele atmet tief durch. Jetzt heißt es cool bleiben und sich nicht einschüchtern lassen. Sie legt ihre Hand in seine. Er ist genauso groß wie sie und sieht sie nicht an, sondern schaut zu Boden. Routiniert tanzt er los, wirbelt sie um ihre Achse, fordert sie heraus, bis der Raum sich dreht, erfüllt von seinen Impulsen. Er hält sie weit von sich weg wie die Frauen zuvor und zwingt sie, über ihre Grenzen zu gehen. Seine Hand gleitet über ihre Schulter, als wolle er sie verführen, sein Bein drängt sich zwischen ihre Beine, als wolle er mit ihr schlafen, die Pirouetten, die er sie drehen lässt, bringen sie fast zu Fall. Sie schämt sich ihrer schlechten Balance, die mit der Impulsivität dieses Mannes nicht mithalten kann. Ihn interessiert nicht, was sie kann, wie es ihr geht, sondern er tanzt einfach sein Ding – wie ein Komet, der das Weltall durchschwirrt und nicht weiß, wo er andocken soll. 

»Das war nicht schlecht«, sagt er anerkennend, als die Tanda vorüber ist. »Du hast Talent.« Seine Stimme ist rau und hat einen Akzent, als komme er von weit her. Türkei. Russland. Iran. Irgendeine Ferne, von der wir träumen, wenn uns langweilig ist. 

»Danke«, sagt Nele geschmeichelt und sieht ihm nach, wie er mit gebeugten Schultern aus dem Raum geht. 

Lass die Finger von ihm, flüstert eine Stimme in ihr.
Benommen vom Taumel des Tanzes geht sie zurück an ihren Platz. (...) 


 

So leicht, so schwer 

Schrille Schreie ziehen durch das Tangoloft. Nebelschwaden fliegen über das Parkett, überall klebt künstliches Blut. An Halloween wird mit Wunden gespielt. Viele der Tänzer/innen sind verkleidet. Auch Pia hat ihr Bestes für ein gespenstisches Outfit gegeben mit dem Erfolg, dass sie aussieht wie die zerstruwwelte Schwester von Batman mit Pigmentstörungen. Obwohl die Maskerade nicht wirklich gelungen ist, fühlt es sich gut an, sich dahinter zu verstecken. Pia kann über die Stränge schlagen, ohne dass jemand sie erkennt. Nur, wer sollte das sein? Und was sollte sie tun? 

Das Reizvollste und zugleich Bedrohlichste, was sie sich vorstellen kann, ist, sich voll und ganz auf das einzulassen, was geschieht. Als ein besonders dramatischer Tango gespielt wird, der ihr unter die Haut geht, schaut sie sich suchend um. Heute ist Halloween, und es wäre doch gelacht, wenn sie warten müsste, bis jemand sie auffordert. Unter den Masken ist das Blinzeln ohnehin schwer zu erkennen. Neben ihr sitzt ein Mann, der von Verkleidung an Halloween offensichtlich nichts hält. 

»Tanzen?«
Auffordernd lacht Pia ihn an. 

»Aber ja.«
Er lächelt freundlich und springt auf. 

Ringsum lautes Gekreisch und Gelächter, venezianische Masken, Totenköpfe und Federboas, doch da, wo Pia Tanzhaltung mit dem Fremden einnimmt, ist es ruhig wie auf einer einsamen Insel. Vom ersten Moment an fühlt sie sich in der Umarmung geborgen. Der Fremde atmet tief ein, sie folgt seinem Atem. Was für eine Wohltat, aus Halloween aufzuerstehen in einer Blüte aus Atem, einer Tango-Orchidee. Seine Führung ist achtsam, seine Bewegungen sind sanft. In Pia löst sich eine tiefe Anspannung, von der sie bis eben kaum etwas wusste. Sie schließt die Augen und schwebt wie auf einer Wolke durch den Halloween-Tumult. Kaum haben sie begonnen, ist der erste Tango vorbei, dann der zweite, der dritte. Sie gleiten von einem Stück in das nächste, und Pia ist immer wieder neu überrascht, wie schnell jeder Tango vorbei ist. 

»Die Stücke sind heute kürzer als sonst.«
Pia lacht über ihren eigenen Witz. Der Fremde lächelt. Es fällt ihr schwer, sich von ihm zu lösen. (...) 


 

Nüchterne Nächte 

Durch den Hinterhof des Tangotanzenmachtschön zieht leise Tangomusik. Jana ist früh dran und genießt, sich in Ruhe umziehen zu können. Noch ist der Umkleidebereich auf der Empore fast leer. Später wird hier emsiges Treiben herrschen. Ein Sofa ermöglicht, entspannt auf die Tanzfläche zu schauen, wo der Mittelstufenkurs noch im Gang ist. 

Unter den Schülerinnen und Schülern fällt ihr vor allem Monique auf, die ihren lockigen Pagenkopf in den Nacken wirft und lauthals lacht. Im wirklichen Leben heißt sie Monika und langweilt sich täglich in einer Behörde. Das Auffälligste ist ihr Lachen, das in unzähligen Fotos von ihrer Facebook-Seite leuchtet und ihr auch live beim Tango vorauseilt. Moniques Lachen passt nicht zum melancholischen Tango. Der Tango verlangt nach einer Tonlage, die leicht depressiv ist. Man spricht in verhalte- nem Flüsterton und zeigt nur gedämpfte Gefühle, um die Musik und die Tanzenden nicht zu stören. Die großen Emotionen, um die es im Tango geht, finden nicht auf Gesichtern statt. Und auch am Rand der Tanzfläche ist dafür kein Platz. Hier wird sittsam gesessen und an Gläsern genippt, mit den Beinen gewippt und mit Möglichkeiten geliebäugelt, statt sie zu ergreifen. Die forsche Monika passt nicht wirklich hierher. Viel zu selbst- bestimmt gestaltet sie ihr Leben. Sie braucht keinen Mann. Um das zu kaschieren, nennt sie sich im Tango Monique. Männer sind dazu da, um Spaß zu haben, und für diesen Spaß bricht sie gern die albernen Regeln, die mit dem Tango Argentino nach Berlin importiert wurden, als sei dessen Ziel, emanzipierte Frauen neue Unterordnung zu lehren. Auf hohen Stöckelschuhen, in denen sie sich nur unsicher bewegen können, warten sie brav am Rand der Tanzfläche, bis Männer sie diskret per Augenzwinkern auffordern. Wer nicht aufgefordert wird, hat Pech, wer nicht in hohen Schuhen laufen will, auch. Monique tanzt gern barfuß und fordert ohne Hemmungen auf. Beim Tanzen wirbelt sie ihre Beine zu Boleos, wann immer sie will, und schert sich nicht darum, ob das andere stört. Wenn sich ein Führender beschwert, lacht sie und lässt ihn stehen. Ihr Tango wurde nicht in einem längst vergangenen Jahrhundert nach Berlin importiert, sondern sie hat ihn im Blut. Bereits ihre argentinische Großmutter hat Tango getanzt. Ihr muss niemand sagen, wie Tango geht. Tango entsteht aus Revolte, aus Protest, und er braucht Menschen, die aufbegehren — und begehren. (...) 


Das Versprechen 

Unsicher, was sie erwartet, öffnet Mira die Tür.
Dichtes Gedränge in der Garderobe, die Tanzfläche überfüllt. Hier und da blitzt kurz ein fliegendes Bein auf. Marvin winkt vom hinteren Ende des Raums. Mit durchgedrücktem Rücken geht Mira auf ihn zu, ängstlich bemüht, ihre Unsicherheit zu verbergen. Als die Practica beginnt, formiert sich die Menschenmenge zu einem Kreis. Frauenüberschuss. Die leisen Worte des Tangolehrers gehen im Stimmengewirr unter. 

Der Mangel an Organisation ist typisch für diese Tanzschule. Können sie nicht einfach nur so viele Frauen zu den Kursen zulassen, dass jede einen Tanzpartner hat? Und wieso beginnt keine Stunde pünktlich? Mira sieht sich umringt von Menschen, die keine Ahnung haben, was es heißt, jeden Tag straff durch organisieren zu müssen. In dem Tango, der hier gelehrt wird, steht die Welt Kopf. Die Führenden sind sanft, die Folgenden stark. Hier gibt es keinen Glitzer-Tango, sondern das Gefühl, seinen inneren Zirkel erreicht zu haben, das Zentrum, den Kern, über den so gern und ausführlich philosophiert wird. Dabei gibt es nicht viel zu philosophieren. Tango verführt nur deshalb Menschen überall auf der Welt dazu, viele Stunden am Tag zu trainieren, weil sie alle sich nach Verbindung sehnen. Miras Körper, der tagsüber hinter einem Computer gefangen sitzt, ist weit davon entfernt, mit irgendwem zu verschmelzen. Steif und ungelenk steht er um sie herum, wie eine Ritterrüstung, die nicht zu ihr passt. 

Der Tangolehrer fordert die SchülerInnen auf, durch den Raum zu gehen. Einfach zu gehen. Just walk. Als sie das hört, bekommt Mira einen Schweißausbruch. Für sie ist nichts einfach, was mit ihrem Körper zu tun hat, schon gar nicht, wenn sie sich beobachtet fühlt. »Lass dein Bein einfach nach vorn fallen«, hört sie die leise Stimme des Tangolehrers neben sich. Wie eine Raubkatze hat er sich angeschlichen. »Bleib locker, erzwinge keinen Schritt. Geh nur so weit, wie dein Körper es will.« 

Mira schießt das Blut in den Kopf, sie fühlt sich ertappt. Nicht einmal einfach laufen kann sie. Wie will sie jemals Tango lernen? Sie schüttelt ihre Beine, bemüht sich um Auflockerung, doch je mehr sie um Lockerheit kämpft, desto mehr verspannen sich ihre Muskeln. Jetzt verliert sie auch noch ihre Balance, kippt fast um, ihre Beine baumeln ungelenk wie bei einer Marionette. Die sehnsüchtige Tango-Musik verspricht etwas, das sich für sie nicht erfüllt. Viel zu steif sind ihre Gelenke, viel zu angespannt ihre Nerven. Längst hat Mira verstanden, dass das Herz des Tangos nur erreicht, wer sich bedingungslos auf ihn einlässt. Solange sie sich vor ihrer eigenen Wahrheit verschließt, wird sich auch der Tango vor ihr verschließen. Was aber ist ihre Wahrheit? Muss sie mehr Sport machen? Warum fühlt sich ihr Körper so fremd an? (...) 

Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber? 

»Noch ein bisschen die Füße vertreten vor dem Tanzen?«
Wie bitte? Überrascht sieht sie auf, ihr Blick streift einen Schuhbeutel. 

In Bruchteilen eines Moments reagiert ihr Hirn auf Signale, die es als positiv auswertet, und lässt sie auf eine Frage, die keinen Sinn ergibt, antworten: »Ich habe gerade eingeparkt.« Die Auswertung ihres Hirns ergab: Der Sprecher ist attraktiv. Charmantes Lachen, dynamischer Gang. Natürlich vertritt sie sich nicht die Füße, kein Mensch vertritt sich vor dem Tanzen die Füße, sondern sie geht mit einem ähnlichen Beutel wie der Fragesteller zielstrebig Richtung Tangoloft. Wäre er weniger attraktiv, würde sie ihn abschütteln wie einen streunenden Hund. So aber fügt sie eine Frage hinzu, deren Antwort auf der Hand liegt: 

»Gehst du auch ins Loft?« 

»Ja.«
Er lacht ein helles, fast weibliches Lachen. 

»Das Loft ist toll.«
»Oh ja, es ist wunderbar.«
»Ich liebe es.«
»Die beste Tangolocation in Berlin.« 

Es ist ein glühendheißer Sonntagnachmittag. Viele Menschen in Berlin suchen Abkühlung an Seen. Die Tangotrunkenen aber glühen zu den Melodien, die schmelzend über den Weddinger Hinterhof ziehen. Irgendwo hier hat Jule die Liebe gefunden. Und wieder verloren. Wie den Regenschirm in Kästners Gedicht. Sie weiß nicht, was besser ist: sich zu erinnern. Oder zu vergessen. Das Tangoloft liegt (wie auch viele andere Tango-Locations in Berlin) in einem heruntergekommenen Fabrikgebäude. Im Treppenaufgang stinkt es nach Pisse. Im Parterre finden türkische Hochzeiten statt, in den oberen Etagen komfortable Firmenevents, denen der Fabrikflair des 19. Jahrhunderts als nostalgische Kulisse für digitale High-Tech-Produkte dient. Ein kleines Schild weist auf das Tangoloft hin, und sobald man die hölzerne Schwingtür aufstößt, verblasst die Umgebung. Ein Raum wie aus einem Märchenbuch, in dem sich nicht nur Tango, sondern auch warmer Apfelkuchen mit Milchkaffee genießen lässt. Das Loft treibt seine blühenden Wurzeln in den Wedding wie eine stumme Revolte. Alte Plüschsofas, Sessel, Kerzenständer verteilen sich durch den weiten Saal, über dem ein großer Kronleuchter schwebt. An der Bar wird mehrsprachig oder wortlos bedient, bei Silent Milongas. Die gemeinsame Sprache heißt Tango. Das Publikum kommt aus allen Teilen der Welt. Oft wird Livemusik gespielt. Der Klavierflügel, der mitten im Raum steht, ist üppig dekoriert. Wer Ruhe braucht, kann sich auf ein separates Sofa zurückziehen, vor dem ein roter Vorhang hängt. Das Loft ist so verheißungsvoll wie Mona, die überall üppige Blumensträuße verteilt. Lilien, Pfingstrosen, Orchideen. Der Duft betört die Sinne. Mit glockenheller Stimme trällert sie die melancholischen Tango-Lieder und fliegt, auch ohne zu tanzen, über das Parkett, eine Inkarnation des weiblichen Berliner Tangos. (...)